Frei lebenMenschen, die an die Freiheit nicht gewöhnt sind, können nicht frei leben! So sehr wir alle eine natürliche Tendenz dazu heben die Freiheit zu ehren, und nach ihr zu streben, oft sogar mit tiefer Leidenschaft, so sehr das Streben nach Freiheit der deutlichste Ausdruck der menschlichen Natur schlechthin ist, so sehr fehlt es doch vielen Leuten und sogar ganzen Nationen und Völkern an der Fähigkeit ein wirklich freies Leben auch in der Realität leben zu können. Sobald die Freiheit in greifbare Nähe kommt, unternehmen diese alles, um, bewusst oder unbewusst, diese Freiheit wieder loszuwerden und nur allzu oft verehren und beten sie dann so genannte Führer an, deren Regime weitaus schlimmer und umfassender ist, als die Herrschaft der alten Machthaber, gegen die ursprünglich rebelliert wurde.

Vieles kann darüber gesagt werden, wenn es um des Menschen Kampf um die Freiheit geht, gerade auch über als die Paradoxa, die damit in Zusammenhang stehen, etwas wie Menschen oft einen Schritt vorwärts machen und dann im Anschluss wenigstens einen Schritt zurück machen, sobald als sie die Freiheit zum Greifen nahe liegend vorfinden. Philosophen, Psychologen und Denker vieler Disziplinen geben uns beredte Zeugnisse für dieses Phänomen. Warum sind so viele Revolutionen in der Geschichte gescheitert? Warum haben so viele Menschen einen Schritt vor der Erlangung der Freiheit den „Schwanz eingezogen“ und sich in die übelste Sklaverei begeben, die überhaupt nur vorstellbar ist? Viele Antworten wurden von „Experten“ für diese „Angst vor der Freiheit“ gegeben, doch keine dieser Erklärungen hat wirklich vollständig überzeugt. Man hat das Gefühl dass der Mensch bei Erlangung der Freiheit es derart mit der Angst zu tun bekommt, dass er sich nach einem umso strikteren tyrannischen Systems sehnt, das er, obwohl er noch immer die Fahne der Freiheit umso mehr verteidigt und seine Mitstreiter für die Freiheit, einen nach dem anderen der Vernichtung zuführt. Die Geschichte ist voller Beispiele für diese Erscheinung.

Die Erfahrung zeigt, dass ein Volk oder ein Individuum das lange Zeit in Unfreiheit gelebt hat und durch welche Umstände auch immer die Freiheit erlangt, nur schwer diese Freiheit auch bewahren kann. In den meisten Fällen wird die neue Freiheit bald wieder eingebüßt. Die Ursache für dieses Phänomen liegt darin, dass die Freiheit zwar ein Teil der menschlichen Natur ist, doch an den „Lebensstil“ der Freiheit gewöhnt zu sein, bedarf der Verantwortung des einzelnen für sich selbst, so dass der Rückfall in die Sklaverei eine logische Konsequenz ist, da diese Verantwortung bei an die Freiheit nicht gewöhnten Menschen in der Regeln nicht erwartet werden kann. So sieht man etwa an den verschiedenen Revolutionen, die sich seit 2010 im Nahen und Mittleren Osten ereignet haben, und die vom Westen freudig begrüßt wurden, dass die Desillusionierung bald einsetzte, als klar wurde, dass die Demokratie, die Menschenrechte und die Freiheit nicht allzu bald errichtet werden würden. Ganz im Gegenteil wurden Chaos, Krieg und Terror permanente Begleiter der Menschen in diesen geschundenen Teilen der Welt. Allzu oft haben wir vergessen, dass ein Mangel an demokratischer Tradition es sehr schwer macht das „Pflänzchen der Demokratie“ wachsen zu lassen – meist wird es sogleich nach seinem Einpflanzen wieder mit Gewalt herausgerissen. Unsere eigene Geschichte im Westen versorgt uns mit unzähligen Beispielen, die uns deutlich zeigen wie lange und wie schwierig es sein kann, bis eine Nation in der Welt der Demokratie ankommt (Deutschland, Italien, Spanien, und andere).

Eine Gesellschaft oder ein Individuum, das die Unfreiheit überwunden hat, hat jedoch immer noch eine große Anzahl an inneren Feinden. All die Leute und Kräfte, die von der bisherigen Unfreiheit profitiert hatten, werden alles unternehmen, um die alten Zustände wieder aufzurichten, selbst dann, wenn sie dabei ein neues Erscheinungsbild kreieren müssen, um es so aussehen zu lassen, als ob es sich dabei um etwas „Neues“ handelte. Auf der individuellen Ebene fallen alle Vorteile der bisherigen Knechtschaft weg – „geschützt“ zu sein, nicht die Last zu tragen eigene Entscheidungen treffen zu müssen, jemanden zu haben, den man für sein eigenes Schicksal verantwortlich machen kann und dergleichen. Ebenso muss man akzeptieren, dass sich starke Vergeltungsimpulse bemerkbar machen werden, die Genugtuung für die erlittenen Einschränkungen und Frustrationen der Vergangenheit fordern werden – und es ist dabei sehr wahrscheinlich, dass einige „Sündenböcke“ den Preis dafür zu bezahlen haben werden.

Ein echter sozialer oder persönlicher Wandel ist nur dann möglich, wenn der neue Herrscher (beim Individuum der „innere Kompass“) sowohl Stärke als auch Gerechtigkeit beweist – indem er keine Rache erlaubt, sondern Fairness, welche sich aus dem Recht ergeben muss und nicht aus persönlichen Befindlichkeiten. Ein solcher Herrscher hat ein gehöriges Maß an Kritik und Misstrauen zu ertragen, zumindest am Anfang, zudem muss er ein großes Maß an Vernunft an den Tag legen und jegliche Mühsal auf sich nehmen sein schweres Werk zu einem Erfolg zu führen. Er muss eine unkorrumpierbare Person sein, die niemals ein Gesetz bricht, die Disziplin aufweist und niemals etwas von seinen Leuten verlangt, das er nicht selbst zu leisten bereit ist – in anderen Worten: Er muss ein Führer sein, der die Werte, die er predigt auch selbst lebt. Im Ergebnis werden die Menschen das Gefühl haben in Sicherheit zu leben und ihrem Führer vertrauen zu können.

In der Regel sprechen wir zu oft über die Freiheit und beschäftigen uns zu wenig mit ihren Voraussetzungen, welche sie überhaupt erst möglich machen. Allzu oft sieht es so aus, als ob Freiheit etwas wäre, das recht leicht erreicht werden könnte: man muss doch einfach nur die Ketten sprengen, die einen einschränken und die logische Konsequenz wäre die Freiheit. Doch in Wahrheit können alle Voraussetzungen für die Freiheit in einem einzigen Wort zusammengefasst werden: Charakter! Charakter ist Schicksal, das gilt ebenso für Individuen, wie für ganze Völker. Um die Freiheit am Leben zu erhalten, bedarf es der moralischen Stärke, es braucht Disziplin, ansonsten driften Menschen in einen Strudel der Emotionen, der ungezügelten Leidenschaften und Verführungen aller Arten ab. Auf der kollektiven Eben bedeutet dies, dass Demagogen die niederen Instinkte des Neides und der Rache ansprechen, um eine neue Machtbasis für sich zu errichten, oder sie verwenden Visionen eines „neuen Zeitalters“, welches mit Sicherheit kommen würde, wenn sich die Menschen nur den neuen Führen unterwürfen. Auf der individuellen Ebene besteht hier die Gefahr des Hedonismus’, der ausschweifenden Lüsternheit, durch die der Mensch zum Sklaven der Instinkte wird. Sich von moralischen Standards der Vergangenheit zu befreien führt sehr oft zu nichts anderem als Instabilität, zur Ablehnung aller Maßstäbe und zur Erniedrigung der menschlichen Natur auf die primitivsten Ebenen der Triebe und automatischen Handlungen, bei denen nichts anderes mehr zählt als Lust und Unlust, die dann alleinige Leitsterne des gefallenen Menschen werden.

Je mehr ein Volk degeneriert ist, desto mehr verliert es seine Freiheit. Je mehr es einer Gesellschaft an moralischer Stärke gebricht, desto mehr ist sie zum Untergang bestimmt. Der große arabische Philosoph und Historiker Ibn Chaldun, der den Aufstieg und Fall von Völkern und Reichen studierte, nannte den entscheidenden Faktor für die Stärke einer Gesellschaft, der auch ihr Schicksal bestimmt, „Abadijja“, was so viel bedeutet wie „Gemeinschaftsgeist“. Je mehr ein Volk einen Sinn für den inneren Zusammenhalt hat und in gemeinsamem Interesse kämpft, umso besser sind auch seine Chancen aufzublühen und langfristig zu überleben. Ein Niedergang kann in den meisten modernen Gesellschaften zweifellos festgestellt werden, doch die Schuld dafür trägt nicht das Volk selbst, das wäre ein Missverständnis. Es ist die Elite, die gerade im Westen heute völlig heruntergekommen ist (besonders in Europa). Für die Laster der Völker sind immer ihre Führer verantwortlich! Um den moralischen Verfall zu heilen braucht es starke und tugendhafte Führer, doch ein solcher Führer alleine lebt niemals lange genug, um den Niedergang der Vergangenheit aufhalten, dazu braucht es mindestens zwei Generationen an solchen Führern. Auf der einen Seite hält ein Volk nach einem solchen starken Führer die Korruption aus, doch nur für eine gewisse Zeit; folgt auf einen korrupten Herrscher gleich ein zweiter, ist ein Volk endgültig dem Untergang geweiht.

Eine andere Gefahr für die Freiheit ist eine, die wir heute am häufigsten in der westlichen Welt beobachten. Freiheit ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden, so sehr, dass die meisten Leute sie als etwas auf ewige Zeiten Gesichertes ansehen, was keine besondere Wachsamkeit oder Sensibilität mehr bräuchte. Wenn man ein starkes Volk haben möchte, muss man es immer wieder mit seinen eigenen Wurzeln in Kontakt bringen. Im konkreten Fall bedeutet dies für den Westen, die Bevölkerung mit den jüdisch-christlichen, den griechisch-römischen Ursprüngen und mit den Wurzeln der Renaissance und der Aufklärung in Verbindung zu bringen, die uns zu dem gemacht haben, was wir heute sind. Freiheit in ihrem umfassenden Sinne, so wie wir sie im Westen verstehen, ist das Resultat dieser Wurzeln. Sollten wir dies jemals vergessen oder kein Verständnis mehr dafür aufbringen wie die Vergangenheit uns zur Gegenwart geführt hat, dann sind wir wie Kinder, die keine Ahnung davon haben, wie die Dinge, die sie genießen entstanden sind, die nicht wissen wer sie sind. Menschen lieben es nicht einen gewohnten Lebensstil aufzugeben, sie ändern sich nicht, weil sie sollten, sondern weil sie es müssen. Eine Gefahr vor der bloß gewarnt wird, führt nicht dazu, dass Menschen aktiv werden, sondern erst die Gefahr, die allen direkt vor Augen steht. Nicht die ferne Gefahr fordert zur Tat auf, sondern nur die gegenwärtige, die die Menschen bis in ihre Knochen spüren.

Die Freiheit zu erlangen ist ein langer und oft sehr beschwerlicher Prozess. Dazu bedarf es harter Arbeit, der Bereitschaft Rückschläge auszuhalten und ein großes Ausmaß an Disziplin, die Akzeptanz unpopulär zu sein, Wachsamkeit, die Fähigkeit Verführungen zu erkennen wo sie auftauchen und selbständig zu denken, sich des eigenen Verstandes zu bedienen – um nur einige zu nennen. Auf der internationalen Ebene dürfen wir uns von der Vorstellen nicht täuschen lassen, dass über kurz oder lang die Mehrheit der Menschheit in einer freien Welt leben und den Wert der Freiheit hochhalten wird. Die Freunde der Freiheit waren zu allen Zeiten eine Minderheit. Selbst wenn wir heute in relativen freien Zeiten leben, kann es sich mit unserer persönlichen Freiheit ganz anders verhalten. Es ist durchaus möglich in einer freien Gesellschaft zu leben und dabei persönlich unter Unfreiheit zu leiden, ebenso wie es auch möglich ist ein relativ freies Leben zu führen, wobei die Gesellschaft, zu der man gehört, sich in Unfreiheit befindet. Die Macht liegt dabei größtenteils bei uns, bei uns als Individuum. Gebt diese Macht niemals in die Hände eines anderen! Darauf kommt es an.

 

Ihr O. M.

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