Dabatte1Wie oft kommt es im Leben vor, dass man an Zeitgenossen gerät, die einen in Debatten verwickeln, die aus irgendwelchen Gründen uns für ihre Sache gewinnen möchten und im Falle, dass ihnen dies nicht gelingt, sehr grob werden können? Unsere ganze Kultur hat sich auf solche Streitgespräche eingerichtet und liebt sie vor allem dann, wenn sie in der Öffentlichkeit ausgetragen werden, im besten Fall im Fernsehen. Dann ergötzen sich die Massen daran, wenn es ordentlich „heiß“ hergeht. Von politischen Diskussionen bis hin zu den seichtesten Nachmittagstalkshows spielen viele Menschen das Spiel: „Jetzt streitet ihr beiden einmal für uns, denn wir wollen uns amüsieren.“

Vor nicht allzu langer Zeit traf ich einen japanischen Geschäftsmann, der mir erzählte in Japan wären TV-Sendungen sehr beliebt, in denen man Menschen beim Essen zuschauen könne. Ich fand das recht langweilig und verwies darauf, dass ich lieber selbst etwas Gutes essen wollte, als anderen bei deren Mahl zuzusehen. Daraufhin meinte der Mann aus dem Land der aufgehenden Sonne, dies wäre doch viel kultivierter, als anderen dabei zuzusehen, wie sie sich die Köpfe einschlügen. Bei uns im Westen wären Debatten keine wirklichen Streitgespräche, bei denen versucht würde irgendeine Lösung für die anstehenden Probleme zu finden, sondern lediglich Kampfschauplätze, bei denen jeder versucht den anderen niederzumachen und wer die flottesten Sprüche draufhabe, wer den Gegner am besten in den Boden hineinreden könne, wäre dann der Sieger. Wer wirklich recht hat und wer nicht, würde überhaupt keine Rolle mehr spielen und durchdacht würden die vorgetragenen Konzepte und Argumente ohnehin nicht. Das sei doch die wahre Zeitverschwendung.

Ich gestehe, dass mich dieses Gespräch nachdenklich gemacht hatte, sah ich doch nun unsere Streitkultur mehr als eine Fortsetzung der antiken Gladiatorenspiele in der römischen Arena, als eine funktionierende Art Konflikte zu lösen. Dann studierte ich ein wenig die Geschichte und sah viele Beispiele dafür, dass auch in früheren Zeiten ebenso bei uns die Kultur des Streitens ein weitaus höherer Niveau erreicht hatte, als dies heute der Fall ist (selbst bei den gebildeten Schichten, bei denen man annehmen müsste, sie wären zivilisierter). Am überzeugendsten waren für mich die Beispiele aus dem angloamerikanischen Raum und dabei vor allem aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Wer einmal Protokolle der Debatten gelesen hat, an denen ein Abraham Lincoln, ein William Pitt, Benjamin Disraeli oder William Gladstone teilgenommen haben, wird erstaunt sein, wie primitiv dagegen das Denken der Politiker unserer Zeit geworden ist. Kaum ein Konzept ist noch durchdacht, äußerst selten wird eine gegenwärtige Situation noch in Beziehung zum größeren Ganzen der Geschichte gesetzt und wie selten wird noch ein Blick in die Zukunft gewagt, indem die gegenwärtigen Entwicklungen zu ihren logischen Konsequenzen fortgezeichnet werden?

Dabei sind die Friedfertigen heute scheinbar auf verlorenem Posten. Gibt es doch überall „Verbalrowdys“, die keine Gelegenheit auslassen Streit zu beginnen und ihr „Rechthaben“ unter Beweis zu stellen. Teilweise erscheint einem eine solche Aufforderung zu einer Debatte wie eine Art Verhör oder eine Kontrolle durch einen übereifrigen Zollbeamten, der feststellen möchte, ob wir für oder gegen ihn sind, ob wir zu seiner „Gruppe“ (Partei, Ideologie, Weltanschauung, Religion etc.) gehören oder nicht. Es ist völlig offensichtlich, dass ein Mensch, der uns von vorneherein nicht mag, alle unsere Worte dementsprechend interpretieren wird, es ist völlig vorhersehbar, wohin eine bestimmte Diskussion führen wird. Wir werden Zeit vergeuden, uns wahrscheinlich ärgern und keinerlei Resultate herausbekommen, die für uns von Nutzen sind. Wir werden uns sogar auf das Niveau des Angreifers erniedrigen, wenn wir darauf eingehen. Warum sollte man sich also auf Streitgespräche überhaupt einlassen?

Der „Haken“, an dem wir bei solchen Situationen meist hängen, ist unser eigenes Ego. Was werden die anderen von mir denken, wenn ich mich nicht auf die Diskussion einlasse? Vor allem, wenn man sich in einer Gruppe befindet, wenn man vor den anderen, in deren Augen man gut dastehen möchte, herausgefordert wird, ist es oft schwer einer Auseinandersetzung zu widerstehen. Auch glauben wir oft, dass wenn uns jemand angreift, uns etwas vorwirft und wir darauf nicht regierten, würde unser Schweigen als Zustimmung interpretiert. Dies ist ein Irrtum: Schweigen hat keinerlei Aussagewert an sich. „Wer schweigt, stimmt zu“, ist nichts anderes als ein erneuter Versuch uns in die Arena der Debatte zu zerren. Provokationen gehören zu den beliebtesten Aufhängern, um den unruhigen Geist eins Menschen zu einem Angriff zu reizen. Erkenne dies und widerstehe souverän der Versuchung. Lass den Angriff des anderen ins Leere laufen, mache vielleicht einen kleinen Scherz, lächle oder schüttle einfach nur amüsiert den Kopf. Niemand kann einen erniedrigen, wenn man es nicht zulässt und wir lassen es erst zu, wenn wir dem entsprechenden Gedanken in uns erlauben sich festzusetzen. Gib anderen nicht diese Macht über Dich!

Es gibt zwar eine „hohe Kunst“ des kultivierten Streitens, der Streit zwischen Gentlemen, bzw. zwischen Ladies, doch sind diese Fälle in der Praxis sehr selten, basieren sie doch auf einem hohen Maß an Selbstrespekt und -kontrolle, sowie Anstand und Manieren, sowie sozialer Gewandtheit, die nicht sehr häufig anzutreffen ist. In der Praxis müssen wir von einer weitaus weniger zivilisierten Art des Streitens ausgehen. Dieser Beitrag handelt auch nicht von dieser kultivierten Art des Streiten, welche durchaus auch ein gewisses Vergnügen bereiten kann, sondern jene Art, die eine reine Zeit- und Energieverschwendung darstellen.

In den meisten Fällen dienen Streitgespräche dazu uns von unseren Zielen abzubringen, unseren inneren Frieden zu zerstören und jemandem das Gefühl zu geben „Recht zu haben“ – das wesentliche Motiv von notorischen Streithammeln. Der einfachste Weg mit einem anderen in Streit zu geraden ist es seine Werte und Überzeugungen anzugreifen, vor allem dann wenn es sich um die Kernüberzeugungen in seinem Leben handelt. Generell gilt: im menschlichen Kontakt tunlichst zu vermeiden diese Überzeugungen anzugreifen, völlig unabhängig davon, wie man persönlich dazu steht. Leider können viele es nicht lassen bei den Menschen, die sie nicht mögen, gerade hier anzusetzen und erzeugen so meist unnötigen Ärger. Feinde im Leben zu haben ist manchmal unvermeidlich, doch bewusst Feinde zu suchen, ohne irgend einen Nutzen davon zu haben, ist nicht nur in höchstem Maße dumm, sondern meist auch pathologisch (Psychiater kennen so etwas wie eine „Konflikt-getriebene“ Persönlichkeit).

„Moralische“ Auseinandersetzungen muss man vermeiden, wo es nur geht, sie sind viel zu blutig und einer Lösung am allerwenigsten zugänglich. Wenn es „ums Prinzip“ geht, dann weiß man, dass an eine vernünftige Lösung nicht mehr zu denken ist, dann regiert die Ideologie und auf persönlicher Ebene das Ego. Wer hier noch eine Lösung glaubt, der kann genauso gut auch an den Weihnachtsmann glauben.

Entscheidend ist, dass wir unsere Achtsamkeit so weit trainiert haben, dass wir die Fallstricke von Debatten erkennen, dass uns klar, ist, dass wir hier von unserem „Weg“ abgebracht werden sollen und dass keine vernünftigen Resultate erwartet werden können. Wenn Sie nicht gerade ein Politiker im Wahlkampf sind, der um jede Stimme kämpft und der es sich nicht erlauben kann Angriffe unbeantwortet zu lassen, holen Sie tief Luft, sehen sich die Situation von „oben“ an und lächeln einfach. Da fällt mir noch einmal Japan ein. Ein japanisches Sprichwort besagt: „Wer lächelt ist immer der Sieger.“

Ihr O. M.

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