Die Geschichte soll man studieren, um aus ihr zu lerTheseustempelnen. So heißt es landläufig und ohne viel darüber nachzudenken stimmt man solchen Aussagen gemeinhin zu, die doch so vernünftig scheinen. „Lernen Sie Geschichte!“ wird oft einem Gegner entgegen geschleudert und meint damit doch nichts anderes als eine Beleidigung von der Art „Sie haben ja keine Ahnung“ oder gar „Sie sind dumm“. Lassen wir uns durch Worte nicht täuschen – sie sind Schall und Rauch – haben lediglich symbolischen Charakter und eignen sich, ganz nebenbei erwähnt, kaum, um miteinander wirksam zu kommunizieren (siehe meine Beitrag über die menschliche Sprache) (spätestens seit Alfred Korzybski und seiner „Allgemeinen Semantik“ dürfte das den meisten klar geworden sein). Lasst uns einmal diesen Gegenstand „Geschichte“ genauer betrachten, um herauszufinden, welchen Wert sie für uns haben kann und worin wir möglicherweise einer beliebten Narrative auf den Leim gegangen sind.

Die Geschichte der Menschheit kann als eine Erzählung des Geborenwerdens verstanden werden. Dabei ist das Geborenwerden ein dauernder Prozess, der, wie es aussieht, kein Ende findet. Innerhalb dieses Vorgangs des Werdens, gibt es verschiedene Phasen, in denen sich jeweils die Paradigmen ändern, in denen sich vor allem das Bewusstsein der Menschheit ändert. Innerhalb einer historischen Phase können relativ verlässliche Schlüsse auf zukünftige Entwicklungen gezogen werden. Tritt die Menschheit jedoch in eine andere Phase ein, können wir aus der alten Phase keine Rückschlüsse mehr auf die Zukunft ziehen. Das ist der Große Irrtum, dem wir nur allzu leicht unterliegen, nämlich dass wir denselben Maßstab an alle Epochen der Geschichte anlegen und nicht berücksichtigen, dass das Bewusstsein und die Paradigmen jeweils verschieden waren und auch wir selbst nicht außerhalb der Geschichte stehen und einen „objektiven“, das heißt einen „wahren“, Maßstab anlegen können.

 

Die Entwicklung der Menschheit aus der Perspektive des Bewusstseins

Die Entwicklung der Menschheit kann aus der Perspektive des Bewusstseins in drei große Phasen eingeteilt werden. Freilich gibt es eine Menge weiterer Unterteilungen, die man innerhalb dieser Phasen vornehmen kann, doch ich beschränke mich hier auf die gröbsten und dabei entscheidendsten Faktoren, denn sie sind es, die es uns ermöglichen den größtmöglichen Betrachtungsrahmen zu wählen. Auch ist Entwicklung hie im Sinne von Veränderung zu verstehen und nicht im Sinn von Verbesserung. Die Neuere ist nicht besser als das Ältere – es ist lediglich anders.

Über die längste Zeit der Menschheitsgeschichte hinweg, war die Menschheit wie die Tiere, ohne Bewusstsein ihrer selbst; es war ein Zustand des „Paradieses“, ohne Vorstellung von Gut und Böse, und vor allem ohne Vorstellung von sich selbst (das Ego). Dann ereignete sich vor wenigen Jahrtausenden ein erster Bewusstseinssprung (durch welche Umstände – Evolution, Eingriff Gottes oder von Außerirdischen durch DNA-Manipulation – kann hier dahingestellt bleiben). Die Menschheit wurde sich ihrer selbst bewusst und das Individuum wurde zum ersten Mal fähig „Ich“ zu sagen. Zwangsläufig verbunden war damit auch das „Du“ und ganz allgemein das „Andere“. Der Mensch fühlte sich nun von den Dingen, die ihn umgaben, getrennt, identifizierte sich durch den neu gewonnenen Sinn des Bewusstsein, das nun in der Lage war sich „haben“ und „nicht haben“ vorzustellen, mit seinem Körper und in weiterer Folge auch mit den Dingen (und Menschen), die er sich zurechnete (sein Eigentum). Diese Phase ist gekennzeichnet durch Abhängigkeit. So wie ein kleines Kind völlig von seinen Eltern abhängig ist, so fühlte sich der Mensch nun abhängig von anderen, der Natur, dem Stammeshäuptling, dem Staat, der Regierung und der Gesellschaft als Ganzes. Mit diesem Stadium ist notwendigerweise Angst verbunden – Angst, dass die Versorgung durch jene, von denen man abhängig ist, unterbleiben könnte, dass man aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden könnte, wenn man sich nicht gehorsam zeigt und die allgemeine Ansicht teilt, dass Missernten und Naturgewalten einen das Leben und die Gesundheit kosten könnten. Deshalb entwickelten die Menschen Rituale und in der Folge organisierte Religionen, die den getrennten Menschen „retten“ sollten. Man betete zu Göttern und Naturgewalten und brachte ihnen Opfer (allzu oft auch Menschenopfer) dar, um sie gnädig zu stimmen. Könige herrschten über die Menschen mit der Begründung die Götter hätten sie zu den Führern der Menschen bestimmt.

Nach der Phase der Kindheit, trat die Menschheit allmählich in die nächste Phase ein. Diese war gekennzeichnet durch die Rebellion, durch das Aufbegehren des Individuum gegen die Gattung (nach August Comte), sowie die Infragestellung der herrschenden Autoritäten. Geistige Wurzeln dieser Entwicklung sind gewisse philosophische Vorstellungen der griechisch-römischen Antike, der Religionen (etwa des Christentums), sowie seit der frühen Neuzeit die Renaissance und in weiterer Folge die Aufklärung und die sozialen und liberalen Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Alle diese Bewegungen zielten auf die Befreiung des Menschen ab, beginnend mit der intellektuellen Freiheit, über die politisch-rechtliche Freiheit, bis hin zur psychisch/spirituellen Freiheit. Ungerechtigkeiten aller Art (Rassismus, Sexismus, Diskriminierungen von Minderheiten etc.) wurden angesprochen und nach hartem Kampf (mit viel Blutvergießen) allmählich zurückgedrängt. Es war dies die Zeit der großen Revolutionen (technologisch, politisch und sozial). Hierhin fällt auch der Übergang der klassischen Gesellschaft (aus Phase 1), die durch strenge Hierarchien, Gehorsam und Statik gekennzeichnet war. Was entstand war die moderne Gesellschaft, die Gesellschaft der Gleichheit, der Freiheit und der Dynamik. Diese Phase dauert in vielen Gebieten der Erde bis heute an. Es ist dies ganz allgemein gesprochen eine Phase, die mit dem Jugendalter, dem Alter der Teenager, verglichen werden kann. Gegen alles wird aufbegehrt, Autoritäten werden infrage gestellte und in den meisten Fällen verworfen. Das Thema dieser Phase ist Unabhängigkeit – es geht darum alle Abhängigkeit der Phase 1 (der Kindheitsphase) hinter sich zu lassen. Der Nachteil dieser Phase ist die Vereinzelung, das Streben nach Konkurrenz und Wettbewerb und das übersteigerte Ego, das sich im schlimmsten Fall im Narzissmus äußert.

Die dritte Phase meiner Betrachtung ist jene, in die wir gerade dabei sind einzutreten. Es ist inzwischen unzweifelhaft, dass wir größere Veränderungen auf allen Ebenen erleben (Technologie, Kommunikation, Klimawandel, politische Krisen, Finanzkrisen, Wirtschaftskrisen, Zusammenbruch ganzer Staaten, Terrorismus und und und – die Liste ist endlos), als unsere Vorfahren seit sehr langer Zeit erlebt haben. Es ist schwer auch nur halbwegs den Überblick zu bewahren. So ist die Informationsmenge, die ein Individuum heute zu verarbeiten hat, mehr als fünfmal größter, als noch vor 30 Jahren! Diese Veränderung spielt sich hauptsächlich im Geist, im Bewusstsein, der Menschheit ab und zwar kollektiv, als auch individuell. Wie es aussieht sind wir dabei als Menschheit „erwachsen“ zu werden, also völlig neue Paradigmen zu entwickelt, die die Phase 2 (Unabhängigkeit) ablösen. Was vor uns liegt, dürfte jedoch kein Rückfall in die alte Knechtschaft (wie in Phase 1) sein, sondern eine Vereinigung der Menschen auf höherer Ebene. Wir haben uns erfolgreich befreit, sind von der Abhängigkeit zur Unabhängigkeit gelangt, doch nun erkennen wir, dass in unserem Universum alles mit allem verbunden ist und dass es eine Unabhängigkeit, so wie wir sie uns bisher vorstellten, überhaupt nicht geben kann. Wir waren in Phase 2 einer Illusion unterlegen. Nun geht es darum die Interdependenz aller mit allem zu erkennen, des Einsseins aller Dinge und Wesen im Universum gewahr zu werden und einzusehen, dass nur die Kooperation, nicht die Konkurrenz uns weiterbringen kann. Altruismus und Egoismus sind keine Widersprüche mehr, sondern bilden eine Einheit. Wenn alle untrennbar miteinander verknüpft sind, dann ist das Wohl jedes einzelnen im Wohl aller zu suchen. Altruismus wird dann zur klügsten Sache überhaupt, denn er führt genau zu dem, was sich Egoisten in Phase 2 stets gewünscht haben und nie errechten (ein erfülltes Leben). Auf den Umstand, dass Altruismus die beste Art des Eigennutzes ist, hat etwa der Dalai Lama schon immer hingewiesen. Der „Bewusstseinssprung“ der Menschheit ist unumkehrbar eingeleitet worden und wir tun alle gut daran keinen Widerstand zu leisten, sondern darauf zu vertrauen, dass die heftige „Geburtswehe“, die wir gerade erleben uns nicht umbringen wird, sondern in eine neue Phase des Verständnisses bringen wird. Möglicherweise werden wir den Weltfrieden, das Ende von Hunger, Armut und Krankheit, sowie ein geldloses, auf Kooperation aufbauendes Wirtschaftssystem erleben – ein System, das dem Menschen dient und nicht die Menschen dem System anpasst. Der Übergang von Phase 1 zu Phase 2 (klassischer zu moderner Gesellschaft) erfolgte durch Revolution; der jetzige Übergang von Phase 2 zu Phase 3 jedoch erfolgt durch Transformation. Darauf müssen stets bedacht sein, damit wir nicht in die alten Muster des Kampfes zurückfallen. Aber Vorsicht! Zu glauben, dass der Mensch selbst und eigenmächtig die „gute Welt“ schaffen könne ist eine Hybris, eine Illusion, der wir nicht erliegen dürfen.

 

Was man aus der Geschichte lernen kann

Die Dummheit kann man mit Sicherheit aus der Geschichte lernen, die Dummheit in all ihren Facetten. Freilich müsste man meinen jede Eselei, jede Unvernunft sei schon einmal da gewesen, doch die Erfahrung zeigt, dass die Menschheit immer noch neuen Unfug sich auszudenken vermag. In dieser Beziehung sind wir wohl sehr kreativ, viel kreativer als darin das Leben für uns alle besser zu machen.

Wir können aus der Geschichte jedoch ersehen, wie unterschiedlich menschliche Kulturen auf dieselben Probleme reagieren und dass es oft viele verschiedene Lösungen gibt, die alle mehr oder weniger funktionieren. Wir sehen, dass es eine Engstirnigkeit ist zu glauben, dass es nur einen Weg geben können – den einen Weg und keinen anderen (diesen gibt es meist nur in Bezug auf die „tiefen“ Wahrheiten, jedoch selten im Bereich praktischer Lösungen). Auch erkennen wir, dass sich die Dinge ändern und Lösungen, die einmal funktioniert haben, in späteren Zeiten völlig versagen können. Es ist deshalb vor allem große Vorsicht geboten, wenn es um „Traditionen“ geht. Damit mag zwar einiges an Sicherheit und Vertrautheit verbunden sein, ja sogar eine Verbundenheit mit den Vorfahren, doch die Erfahrung zeigt, dass das Allermeiste, was als „Tradition“ bezeichnet wird, kaum einen praktischen Wert mehr hat. Wo eine „Tradition“ Schaden verursacht, gibt es keinen vernünftigen Grund mehr, an ihr festzuhalten.

Eine Sache, und das ist wahrscheinlich die größte Hoffnung, die wir haben, die wir aus der Geschichte lernen können, ist die berechtigte Erwartung, dass die Dinge unterm Strich besser werden, zumindest im Verständnis über die Welt. Wir leben heute länger als je zuvor, wir sind gesünder und beherrschen uns selbst und die Natur auf eine Weise, wie niemals zuvor. Im Verhältnis hungern heute weitaus weniger Menschen auf der Welt als noch vor Jahrzehnten. Innovationen machen große Hoffnung den Hunger auf der Welt vollständig zu besiegen und allen Menschen sauberes Trinkwasser zu ermöglichen. Vor allem aber ist durch die Informationstechnologie, über die sogar die Ärmsten verfügen, die gesamte Menschheit miteinander verbunden. Individuen über alle Kontinente hinweg können sich nun gegenseitig unterstützen, ganz ohne offizielle Kanäle oder gar Geld in die Hand nehmen zu müssen. Menschen sind in der Lage jedes Problem zu lösen, das es überhaupt geben kann. Die Chancen auf Lösungen für unsere persönlichen und globalen Probleme nehmen durch die weltweite Vernetzung der Menschen sehr stark zu.

 

Was man aus der Geschichte nicht lernen kann

 Auf den Punkt gebracht: Die Wahrheit kann man aus der Geschichte nicht entnehmen! Die Zukunft kann man nicht aus der Vergangenheit ableiten, ja jede Art von „Zukunftsforschung“ ist in Wahrheit Quacksalberei, Scharlatanerie, das Hegen von Phantasievorstellungen, seien sie nun positiver oder negativer Natur.

Wir können aus der Geschichte nicht lernen, wozu wir in der Lage sind, welche Erfindungen noch möglich sind, welche Entwicklung die Menschheit noch nehmen kann. Kurz: wir können die Geschichte nicht zurate ziehen, wenn es darum geht herauszufinden, wie weit das menschliche Potenzial geht. Die Entwicklung hat jedenfalls gezeigt, dass seit einigen Jahrhunderten sich das Wissen exponentiell Ausbreitet, dass Wissenschaft und Technik in einem immer größeren Tempo und Ausmaß die Welt verändern, auf eine Art, die die größten Optimisten der Vergangenheit sich nicht vorstellen konnten.

Werte sind wandelbar und entsprechen dem jeweiligen Entwicklungsstand des Bewusstseins einer bestimmten Gesellschaft. Auf Grundlage dieser Werte ist eine Epoche oder eine Gesellschaft zu verstehen, doch daraus allgemeine Schlüsse auf die gesamte Menschheit zu ziehen, ist sehr gefährlich und in den allermeisten Fällen grober Unfug. Vorsicht ist deshalb geboten, wenn es um „alte Werte“ handelt, denn nur nach einer genauen Prüfung, ohne Sentimentalität, können wir entscheiden, ob sie für unsere Gesellschaft, in unserer Zeit, noch Sinn machen.

Dürfen wir den Menschen früherer Zeiten ihre Handlungen vorwerfen? Sind Menschen überhaupt für ihre Handlungen verantwortlich? Standardmäßig beantworten wird diese Frage mit ja, denn unsere bisherige Kultur hat dies stets angenommen – freilich ohne jemals einen stichhaltigen Beweis dafür erbracht zu haben! Die Unterscheidung von Gut und Böse ist typisch für bestimmte Phasen der Menschheitsgeschichte, sie gehört meist weniger ins 21. Jahrhundert und zu der Zeit, in die wir gerade dabei sind einzutreten. Untersucht man den Menschen und will man möglichst vorurteilsfrei erkennen, worum es im menschlichen Leben im Grunde geht und wer der Mensch eigentlich ist, erkennen wir, dass das menschliche Verhalten von seinen Genen und seiner Sozialisation abhängt. Unsere Gene haben wir nicht gewählt und wie wir aufgewachsen sind, wer uns geprägt hat, ebenso wenig. Und doch sind es dieses Dinge, die uns so handeln, denken und fühlen lassen, wie wir es tun. Wie könnten wir also für unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen Verantwortung tragen?! Die Frage ist völlig ungeklärt und wird wahrscheinlich niemals geklärt werde – sie gehört zu den mit wissenschaftlichen Mitteln nicht zu klärenden Dingen. Die Frage nach der Willensfreiheit gehört in den Bereich der Weltanschauung, der Philosophie und der Religion und nicht der Wissenschaft.

Die Wissenschaft hat uns viele Erkenntnisse über den Menschen und sein Verhalten geliefert, doch diese Erkenntnisse fließen kaum oder überhaupt nicht in unsere Gesetzgebung oder in unser soziales Verhalten ein – sie kommen bei den Menschen auf der Straße kaum an. Wenn wird die Welt zu einem besseren Ort machen wollen, dann müssen wir uns von der Realität leiten lassen. Seien wir deshalb nicht wie die Politiker, sondern reife Menschen des 21. Jahrhunderts. Das sind wir uns selbst und der Welt schuldig.

Euer O. M.

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