Schlagwörter

, ,

Sign - Lindau 1914Wenn wir uns das Maß der Freiheit ansehen, über das die meisten Menschen in ihrem Leben verfügen, also jenen Grad, indem sie ihrem eigenen Wesen und nicht den Vorstellungen anderer folgen, dann erkennen wir dabei beträchtliche Unterschiede zwischen den einzelnen Individuen. Die Fähigkeit mit der Welt vernünftig zu verfahren ist manchen ohne weiteres gegeben und anderen ist dies völlig unmöglich. Irgendwo dazwischen finden sich die meisten von uns und kommen mit der Welt mehr oder weniger gut zurecht. Das liegt vor allem daran, dass außer uns selbst kaum einer ein Interesse an unserem persönlichen Ausdruck in der Welt hat, einige wenige Menschen, die uns aufrichtig lieben, sind freilich davon ausgenommen, doch das Gros. und vor allem die Kultur selbst, fördert weder durch Erziehung, Schulsystem und Sozialisation, und schon gar nicht durch ihre Institutionen unser persönliches Gedeihen. Dies dürfen wir jedoch nicht als ein „Fehler“ auffassen, sondern als die Natur von gesellschaftlichen Institutionen per se, die zu akzeptieren für uns meist unumgänglich ist. Trotzdem ist der einzelne nicht verloren, denn selbst in einer unvollkommenen Kultur (und jede Kultur, die wir finden können, sowohl gegenwärtig, als auch historisch, ist unvollkommen!) ist es für den einzelnen möglich gesünder und selbstentfaltender zu leben, als seine Mitmenschen. Dazu bedarf es jedoch einigen Wissens und schonungsloser Ehrlichkeit mit der sozialen Welt, mit dem „Wasser“, in dem wir schwimmen, wie ein Fisch und das wir kaum verlassen können, wollen wir nicht wie ein Eremit in einer Höhle selbstgenügsam, asketisch und fern aller anderen Menschen unser Dasein fristen.

 

Abhängigkeit

Jedes menschliche Wesen beginnt in völliger Abhängigkeit. Wir sind abhängig von unseren Eltern, unseren Ernährern, Schutzgebern und Erziehern. Dies ist sozusagen die „Grundbürde“, mit der ein jeder von uns geboren wurde. In dem sehr frühen Stadium unseres Lebens, wie es das Säuglingsalter oder das frühe Kindheitsalter darstellt, haben wir jedoch nicht die geringsten Probleme damit. Wir fühlen uns geborgen, vertrauen unseren Eltern und empfinden das Leben als eine Einheit, in der es kaum Widersprüche gibt. Wir sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht aus uns selbst „herausgefallen“, wie man so schön sagt, genießen relativ große Sicherheit und akzeptieren die Grenzen, die uns von anderen gesetzt werden (wenngleich das berühmte „Trotzalter“ nicht zu vernachlässigen ist). Wir hören vor allem auf die Meinungen jener, von denen wir abhängig sind oder die wir psychologisch brauchen. Dieses „psychologische Brauchen“ kann weit über das Kindheitsalter hinaus bestehen bleiben und manche Erwachsenen bleiben in diesem Aspekt auch lebenslang „Kinder“. Es sind vor allem jene, die nie zu einem eigenständigen Gedanken gelangen, die keine vernünftigen Entscheidungen ohne die Hilfe andere treffen können und ganz allgemein ihre „Angelegenheiten“ nicht in den Griff bekommen. Um frei mit dem Philosophen Immanuel Kant zu sprechen, es sind jene Menschen, die nicht den Mut haben sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen. In diesem Stadium befinden sich auch Menschen, die die Tradition verherrlichen, nicht deshalb, weil sie aufgrund ihres eigenen Denkens Gutes in dieser finden oder aus rein nostalgischen Gründen, sondern weil ihre psychische Konstitution sie dazu zwingt auf die Altvorderen zu hören, ungeachtet dessen, ob es sich dabei um eine rationale oder noch zeitgemäße Sache handelt oder nicht.

 

Unabhängigkeit

Wenn der Mensch älter und reifer wird, verlässt er allmählich das Kindheitsstadium und tritt in die Phase der Jugend ein. Nun dreht sich das Meiste um, was bisher für normal gehalten wurde: Aus Gehorsam wird Ungehorsam, aus Vertrauen wird Misstrauen, aus Akzeptanz wird Ablehnung und aus der ungebrochenen Einheit des Lebens wird eine mehr oder weniger große Zerrissenheit. Bei den alten Wikingern wurden die Jugendlichen nicht umsonst als „Geisteskranke“ angesehen, die außerhalb der Gemeinschaft standen und sich mit Billigung der Gesellschaft „austoben“ durften, bis sie ihren Platz im Gemeinwesen gefunden hatten. Eine derartige „Absonderung“ und Toleranz den Jungen gegenüber vermissen wir heute in den „zivilisierten“ Gesellschaften, vor allem des Westens, sehr.

In der Teenagerzeit fühlt sich der junge Mensch meist von der Macht anderer bestimmt, gegen die er rebelliert. Er versucht unabhängig zu sein, bis hin zur Eigenbrötlerei, er versucht seinen eigenen Weg zu finden, lehnt das Alte ab und betont das „Innere“, das Gefühl, besonders stark. Es ist die Zeit des Sturm und Drang, der Suche der eigenen Entfaltung. Nicht selten geht damit ein ausgeprägter Narzissmus einher, der mit einer Art „Geniekult“ gepaart ist. In dieser Zeit hält man sich für unsterblich und mit großen Fähigkeiten ausgestattet, die man in der Welt entfalten möchte. Gleichzeitig aber ist dies auch eine Phase der großen Unsicherheit und Unsicherheit ist auch immer der Bodensatz, auf dem der Narzissmus sich bildet.

In dieser Zeit gibt es kaum einmal eine Gemütsruhe, die Dichotomien des Lebens sind ausgeprägter, als zu irgendeiner anderen Zeit des Lebens, aber gleichzeitig sind die Menschen in diesem Alter offener für Neues, als sonst irgendwann. Das Gehirn verfügt über mehr Verbindungen, als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt im Leben und es ist nicht übertrieben auch vom neurologischen Standpunkt aus von einem „Chaos im Gehirn“ zu sprechen. Glücklicherweise überwinden die meisten Menschen diese Phase und treten in eine reifere, erwachsener Phase ein, in der sich das Gehirn dann selbst wieder auf ein gesundes Maß reduziert und damit wieder vernünftiger mit dem Leben umgehen kann.

Das Paradoxon dieser Phase steckt jedoch darin, dass je mehr man nach Unabhängigkeit strebt, desto mehr wird man Sklave, entweder neuer Autoritäten oder des eigenen Images. Denn Sklave des eigenen Selbstbildes (meist als „Ego“ bezeichnet) zu sein oder sogar des Bildes, das andere von einem haben, ist nicht weniger dem eigenen Wesen abträglich, als der Gehorsam gegenüber den alten Autoritäten. In dieser Unabhängigkeitsphase werden Zwänge meist falsch interpretiert: Das „Böse“ wird vor allem in den anderen gesehen, meist in konkreten anderen Personen, die Autoritäten darstellen, teilweise aber auch im „System“ und der Gesellschaft selbst. Sich selbst fasst man dagegen meist als positiv auf und man hätte nicht die Probleme, die man hat, wenn die anderen und die Welt einen nur gewähren ließen – so denkt man zumindest.

 

Interdependenz

Ist der Mensch weiter fortgeschritten und hat die chaotische Jungendzeit überwunden, dann tritt er in ein reiferes Stadium ein, das sich selbst über das ganze Leben, von nun an, fortsetzt und in den meisten Fällen stets weiter zunimmt. Wir erkennen dann, dass wir unser Wesen weder in der Abhängigkeit, noch in der Unabhängigkeit der Jugend voll zur Entfaltung bringen können, sondern nur in der konstruktiven Kooperation mit anderen Menschen. Nichts Großes kann völlig ohne die Hilfe anderer erreicht werden und wer es nie gelernt hat mit anderen fruchtbare Kontakte aufzubauen und zu nutzen, wird es ein Leben lang schwer haben. Die „Umwelt“ besteht für den Menschen nur zu einem Teil aus der Natur, wie sie etwa die Naturwissenschaften beschreiben, vielmehr jedoch ist die Umwelt für den Menschen, das „Soziale“, das Medium, in dem er sich die meiste Zeit über bewegt und in dem sich sein Schicksal im Wesentlichen entscheidet.

Nun erkennt der Mensch, dass Freiheit nicht darin besteht bindungslos zu sein, sondern nur solche Verbindungen mit anderen zu unterhalten, die nicht auf Ausbeutung beruhen, sondern dem gegenseitigen Vorteil dienen. Der Kampf des Lebens löst sich immer mehr auf und es geht nicht darum „du oder ich?“ sondern um „du und ich!“. Die Dichotomien lösen sich zunehmend auf, das „Innere“ und das „Äußere“ werden als gleich wichtig angesehen, Vernunft und Gefühl arbeiten zusammen und stehen nicht mehr in einem Widerspruch miteinander. Dadurch wird auch die Wahrnehmung der Realität besser, da das Maß der Akzeptanz der Wirklichkeit steigt und immer weniger davon abhängig ist, welche persönlichen Vorstellungen einer hegt. Es darf sein, was ist und es wird nicht mehr darauf bestanden, dass „nicht sein kann, was nicht sein darf“. Vor allem aber erkennt der einzelne, dass er selbst über Macht verfügt, dass er Schöpfer und nicht Beobachter der Welt und seines Lebens ist. In der Unabhängigkeitsphase wehrt sich der Mensch gegen Zwänge; er hat das Gefühl das Schicksal, mehr noch die „anderen“ trieben ihr Spiel mit ihm und jeder wolle etwas von ihm. Nun erkennt er, dass Macht nicht nur außen, sondern gerade auch in ihm selbst liegt.

 

Conclusio

            Natur und Kultur stehen vorderhand in einem gewissen Gegensatz zueinander, wobei die Natur meist mehr von der Kultur zu fürchten hat, als umgekehrt. Natur strebt von der Ordnung zum Chaos; Kultur vom Chaos zur Ordnung. Beide Extreme machen unsere Leben zur Hölle! Freiheit findet sich nur dort, wo Natur und Kultur gleichermaßen regieren, wo Ordnung und Chaos harmonisch ineinander greifen – dort findet sich das wahre, das größte Maß an Freiheit! Danach sollten wir alle streben, denn, wenn es eine „beste aller Welten“ gibt, wie der Philosophie Leibnitz meinte, dann liegt diese genau in der goldenen Mitte zwischen diesen beiden Extremen.

In unserer Zeit und in den meisten modernen Kulturen ist das vorherrschende Mittel der Machtausübung nicht die Gewalt, sondern die Manipulation, in all ihren Spielarten, von denen die meisten effektiven fast ausschließlich indirekter Natur sind. Die Freiheit des Menschen geht heute so weit, wie seine Bewusstheit und seine Selbstdisziplin gehen. Dies beide sind die potentesten Waffen, die uns zur Verfügung stehen.

Haben wir uns emanzipiert aus den alten Fesseln, dann sind wir damit im positiven Sinne noch lange nicht frei. Finden wir keine solche, dann droht uns eine Verwirrung oder ein Rückfall in alte oder neue Knechtschaft (die möglicherweise auf leisen Sohlen oder unter einer anderen Bezeichnung zu uns kommt). Wir müssen es lernen eine Sache für uns zu finden, der wir uns ganz hingeben können, ansonsten wird sich eine solche aufdrängen, gegen unseren Willen und wir werden unweigerlich zum Mittel des Willens eines anderen werden. Wenn man in dieser Welt nur Hammer oder Amboss sein kann (wie Goethe meint), dann lasst uns der Hammer sein! (die Ironie dieses Satzes soll hier nicht verhehlt werden).

Aufgeklärt ist der Mensch nicht allein durch das Wissen. Dieses ist nur die eine Hälfte – die andere ist der Mut! Auf diese zweite Komponente wird nur allzu oft vergessen. Es genügt eben nicht wissend zu sein, man muss es auch anwenden können und dies ist ohne Courage nicht möglich. Ein gebildeter Feigling ist ebenso wenig wert, wie ein mutiger Dummkopf. Was wir brauchen ist eine Kombination von Vertrauen (in uns selbst, die Mitmenschen und das Gute, Schöne und Wahre überhaupt), Liebe, Vernunft und die Bereitschaft etwas zu erschaffen – unsere Schöpferkraft! Wenn wir auf die tiefe, meist leise, innere Stimme hören, dann vertrauen wir uns selbst und dann wissen wir auch, wie wir zu leben haben.

Euer O. M.

Advertisements