Nachruf schreibenIm Film „Cocktail“ mit Tom Cruise in der Hauptrolle, in dem es um die Suche eines jungen Mannes nach Glück und Erfolg geht, gibt es eine interessante Szene in der Abendschule. Brian Flannigan (Tom Cruise) kommt frisch aus der Armee und träumt von einer Karriere in einer großen Gesellschaft in New York City, entweder an der Wall Street oder in der Werbung. Nachdem er keinen College-Abschluss hat, möchte er diesen auf der Abendschule nachholen – derweil verdient er sein Geld als Barkeeper – nur vorübergehend, wie er anfangs glaubt (in New York scheinen überhaupt viele solches zu glauben). In der Abendschule gibt es nun einen Englischprofessor, der von seinen Studenten, von denen kaum einer an Sprachen interessiert ist, da sie alle vom großen Geld träumen, als Aufgabe verlangt, dass sie ihren eigenen Nachruf schreiben sollen. Brian verfasst nun einen `fantastische´ Nachruf, indem er sich selbst als 99-jährigen, Milliardär und Gouverneur sieht, der in siebter Ehe verheiratet ist und glücklich in den Armen seiner siebten Frau, einer 18-jährigen Schönheit namens Heidi, stirbt und diese seine Beerdigung leider nicht besuchen könne, da sie sich immer noch von dieser heißen Liebesnacht, sprich von ihrer Erschöpfung, im Krankenhaus erhole. Diese Szene aus dem Film ist amüsant und regt doch auch an über die Wertigkeiten in einem Leben nachzudenken, zumindest jene Wertigkeiten, die der junge New Yorker, Flannigan, aufzuweisen hat und die wahrscheinlich recht typisch für eine ganze Generation (die 80er-Jahre-Ego- und Selbstentfaltungsgeneration) sein dürften. Nichtsdestotrotz ist die hier geschilderte Übung, seinen eigenen Nachruf zu schreiben, sehr wertvoll – sofern sie richtig gemacht wird!

Die Vorstellung des eigenen Todes hat für die meisten etwas Erschreckendes an sich, etwas, mit dem wir uns möglichst nicht beschäftigen wollen, und solange wir noch jung bzw. relativ jung an Jahren sind, scheint noch eine sehr lange Zeit vor uns zu liegen. Sich mit dem Tod zu beschäftigen macht jedoch bereits in jungen Jahren Sinn, nicht etwa deshalb, weil es die „letzten Dinge“ zu regeln oder ein Erbe zu verteilen gälte, sondern weil die Beschäftigung mit der eigenen Sterblichkeit eine wunderbare Art ist sich klar zu werden, wie wertvoll das Leben ist und was wir mit unserer Zeit anfangen, bzw. was wir anfangen sollten, wenn wir unserem eigenen Ideal folgen würden.

Es heißt, dass die Angst vor dem Tod die Mutter all unserer Ängste sei und dass mit der Beseitigung dieser Grundangst auch alle anderen Ängste verschwänden. Ob dies nun uneingeschränkt zutrifft oder nicht, kann an dieser Stelle dahingestellt blieben. Viel wichtiger ist es zu erkennen, dass die Angst vor dem Tod uns in unserer Lebensentfaltung hindert. Das Paradoxe ist nämlich, dass die Art wie jemand zum Tod steht sehr viel darüber aussagt, wie er sein Leben führt. Wer mit dem Tod nicht im Reinen ist, über dessen Leben hängt stets eine Ungewissheit, etwas das ihn hindert das Dasein ganz auszukosten. Fast möchte man meinen dass manche glauben durch Aufschub des Lebens oder durch ein Leben auf Sparflamme könne dem Tod Lebenszeit abgerungen werden. Interessanterweise trifft dies meist auf geizige Menschen zu; und Geiz ist keinesfalls ein materielles Phänomen, sondern geht weit in die Persönlichkeit eines Menschen hinein und umfasst in den meisten Fällen weitere Bereiche des Lebens. Wer mit Geld geizt, hat Angst vor Armut und wer mit dem Leben und der Lebenszeit geizt, hat Angst vor dem Tod. Zwischen diesen beiden Ängsten besteht ein recht enger Zusammenhang.

Der erste Schritt beim Schreiben eines Nachrufs besteht nun in der Bereitschaft sich seinem Leben, so wie es ist, ohne Wenn und Aber, zu stellen. Ein Nachruft muss immer von der derzeitigen Situation im Leben ausgehen und die Vergangenheit ehrlich berücksichtigen. Was die Zukunft bringen wird, weiß freilich niemand, doch nichtsdestotrotz kann diese Übung dir sehr viel über dich selbst erzählen. Darüber hinaus ist mit dem Schreiben eines Nachrufs auch eine gewisse Demut verbunden, denn wenn wir uns das Leben der so genannten „Großen“ der Geschichte ansehen, dann erkennen wir, dass selbst unter diesen die meisten vergessen wurden und den Zeitgenossen nur eine kleine Anzahl dieser Personen überhaupt bekannt ist. Wir müssen uns nur einmal ansehen welche Berühmtheiten bereits zu unseren Lebzeiten gestorben sind, von denen nun keiner mehr spricht, obwohl sie zu Lebzeiten in den Medien ständig präsent waren. Wie sieht es in der eigenen Familie, in der Verwandtschaft, im Freundes- und Bekanntenkreis aus? Auch hier wird meist nur selten der Verstorbenen gedacht. Und bei uns wird es wohl nicht anders sein wenn wir einmal das Zeitliche gesegnet haben. Diese Einsicht macht uns bescheiden aber andererseits entspannt sie uns auch, gerade diejenigen, die stets peinlich genau darauf achten, was die anderen von ihnen denken.

 

Vorteile, die das Schreiben eines Nachrufs mit sich bringt

  • Es wird einem der Wert des Lebens bewusst
  • Man wird sich seiner eigenen Ziele und Hoffnungen bewusst
  • Man erkennte, welchen Werten man im Leben folgt bzw. folgen möchte
  • Wir erkennen, was in unserem Leben wirklich wichtig ist und können die nötigen Veränderungen vornehmen
  • Wir werden uns bewusst wie wertvoll Zeit ist und dass niemand von uns auch nur eine einzige Sekunde der bereits „verlebten“ Zeit zurückbekommen kann. Das ist zudem ein gutes Mittel gegen die Krankheit der „Aufschieberitis“
  • Uns wird deutlich vor Augen geführt, dass niemand auch nur das Kleinste, was er im Leben besessen hat in den Tod „mitnehmen“ kann. Sein Leben auf rein irdische Schätze zu bauen, endet deshalb zwangsläufig katastrophal.
  • Wir gewinnen Abstand von der augenblicklichen Situation und können unser Leben von einer höheren Perspektive aus sehen. `Was bedeutet das, was jetzt geschieht in 100 Jahren?´ ist eine interessante Frage, die sich zu stellen hier lohnt. Schließlich kann ein Nachruf auch als eine Art „Road-Map“ für das weitere Leben dienen. Diese kann uns als Landkarte bzw. als Kompass dienen, den wir regelmäßig zurate ziehen, um zu sehen, ob wir noch „auf Kurs“ sind.

Seinen eigenen Nachruf zu schreiben ist eine gute Übung, um mehr Klarheit in sein Leben zu bringen, sich der entscheidenden Dinge bewusst zu werden und es ist auch eine Mahnung für die Zukunft zu mehr Disziplin in der Verfolgung derjenigen Dinge, die einem im Leben wirklich wichtig sind. Dann kommt es nicht mehr so sehr darauf an, ob wir nur noch kurze Zeit vor uns haben oder ob uns noch viele Jahrzehnte zur Verfügung stehen. Das Leben ist endlich, drum lasst es uns nicht mit unnützen Dingen und Tätigkeiten verbringen!

 

Euer O. M.

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