Der heutige Beitrag wurde vor 20 Jahren (1995) von meinem Vater verfasst. Er gelangte mehr durch Zufall in den letzten Tagen in meine Hände. Es ist interessant wie sehr die Dinge, die der Autor schildert, auch heute noch gültig sind. Aus diesem Grund möchte ich den folgenden Text meinen Lesern nicht vorenthalten:

 

Monografie Nr. 11

900 Jahre danach … am 27. November 1995

Im Namen des Vaters, des Geldes und der Politik.

 

Heute genau vor 900 Jahren rief Papst Urban II. zum ersten Kreuzzug auf. Mit gutem Gewissen zogen hunderttausende in den Krieg – nicht ahnend, dass sie auf infamste Weise missbraucht wurden. Dieser Missbrauch von Glaube und Idealen funktionierte über Jahrhunderte. Er funktioniert auch heute noch!

 

Offiziell beginnt die Geschichte der Kreuzzüge am 27. November 1095, als Papst Urban II. in Clermont zum Kampf gegen die Heiden aufrief. In Wahrheit war dieser Appell an die Christenheit nicht mehr als eine gutinszenierte Show.

Den Keim des Wahnsinns hatte 1054 der ahnungslose Kardinal Humbert in Konstantinopel gelegt; er überbrachte eine Bannbulle von Papst Leo IX. gegen Patriarch Kerularios. Grund waren Meinungsverschiedenheiten, und weil der Patriarch sich nicht dem römischen Diktat beugen wollte, wurde er exkommuniziert. Womit Leo nicht gerechnet hatte: Kerularios schlug zurück, indem er seinerseits den Papst exkommunizierte. Das war der Bruch zwischen der ost- und der weströmischen Kirche. Für Rom bedeutete dies ein empfindlicher Macht- und vor allem Geldverlust.

Gregor VII. versuchte später mit allen Mitteln die Schlappe wieder wettzumachen. Die Seldschuken, später Türken genannt, waren in das Byzantinische Reich eingefallen und Gregor machte dem exkommunizierten(!) Kaiser Michael VII. das Angebot, ihm mit einem Heer zu Hilfe zu kommen. In der Hoffnung auf diese Weise Einfluss auf die oströmische Kirche wieder zurückzugewinnen. Am liebsten wäre er selbst an der Spitze des Heeres geritten aber der Investiturstreit mit Heinrich IV. hinderte ihr daran. Gregor brachte es fertig, den Kaiser im Jahre 1077 zum demütigenden „Gang nach Canossa“ zu zwingen. Das war der letzte große Triumph der Kirche; sie hat es Gregor gedankt und sprach ihn heilig.

Inzwischen hatten die Seldschuken Anatolien überrannt, eroberten Palästina und Jerusalem, der neue byzantinische Kaiser, Alexios war in ernsten Schwierigkeiten. Er brauchte dringend Hilfe. Aber wie konnte man die Westeuropäer dafür begeistern, Anatolien zu befreien? Wen interessierte schon Anatolien? Da hatte Alexios eine fabelhafte Idee …

Was nun geschah, berichtet der Chronist Bernold von Konstanz: Alexios schickte im März 1095 Gesandte zum Konzil nach Piacenza, und dort jammerte er jedem die Ohren voll, dass die Türken in Jerusalem angeblich furchtbare Gräueltaten an den Christen verübten und – schlimmer noch – die heiligen Stätten schändeten. Kein Wort über Hilfe für das besetzte Anatolien, aber Papst Urban II. roch natürlich den Braten. Den Christen in Jerusalem ging es nicht besser oder schlechter als vorher. Gleichzeitig war Urban dankbar für die von Alexios gelieferte Argumentationshilfe; verstümmelte Christen ließen sich gut bei Volk „verkaufen“.

Man einige sich zur Zufriedenheit beider Seiten: Alexios durfte nun hoffen, sich mit Hilfe westlicher Truppen die Türken vom Hals zu schaffen und Urban witterte die Chance, die abtrünnigen Christen Ostroms wieder an die Kandare nehmen zu können. Alles in allem waren das gute Aussichten. Jetzt musste das Ganze nur noch wirkungsvoll in Szene gesetzt werden.

Auffällig schnell wurde ein neues Konzil einberufen, diesmal in Clermont, wo der berühmte „Aufruf zu den Kreuzzüge“ stattfand. Es war in der Tat beeindruckend. Urban trat vor das Volk als „Sendbote“ Gottes, „um den göttlichen Willen zu enthüllen“. Dann beklagte er die von den Türken getöteten Christen und forderte dazu auf „dieses gemeine Gezücht aus den von euren Brüdern bewohnten Gebieten zu verjagen“, und versprach allen, die „ihr Leben verlieren … in der Schlacht gegen die Heiden, so werden ihnen in jener Stunde ihre Sünden vergeben.“

Die Menge vor der Kathedrale war begeistert und rief: „Deus lo volt – Dieu le veut – Gott will es!“ Der Bischof von Puy, der alles mitausgeklügelt hatte, kniete vor dem Papst nieder und meldete sich, ganz spontan natürlich, als erster zum Kreuzzug, „Gott will es!“

Einen Krieg anzuzetteln ist eine Sache, einen Krieg zu führen eine andere – dazu braucht man Menschen, die bereit sind zu töten und zu sterben. Niemand ist so dumm und lässt sich vor eine Kanone binden, damit ein anderer noch zu mehr Macht und Geld kommt. Für einen Glauben oder ein Ideal – die Sinngeber unseres Lebens – sind wir jedoch zu allem bereit. Hier beginnt der Missbrauch. Die Verführer haben leichtes Spiel und Gefühle sind leicht zu manipulieren.

Landauf, landab zogen Prediger und machten Stimmung gegen diese „barbarischen Ungläubigen“. Alte Schauergeschichten wurden ausgegraben, neue hinzugefügt – über die Drangsalierung der Christen in Jerusalem, über fromme Pilger, denen der Bauch aufgeschlitzt wurde, weil die Türken glaubten, sie hätten Goldstücke verschluckt … immer gerne wurde die Geschichte erzählt, in der eine Äbtissin von einer wilden Horde Sarazenen vergewaltigt wurde, reihum, bis sie starb; dabei wurde betont, dass es sich um eine schöne Äbtissin handelte. Bei einer alten und hässlichen Äbtissin hätten die Leute nur gestaunt – aber man brauchte Entsetzen und Empörung. Der Trick funktionierte.

 

Er funktioniert auch heute noch:

Als 1990 die Iraker Kuwait besetzten, geriet der Sultan in ernste Schwierigkeiten. Wie damals Alexios, der Rom um Hilfe bat, wandte sich nun der Sultan an „Neu Rom“ –Washington. Präsident George Bush hätte gerne Truppen geschickt, denn ein Krieg, bei dem sich die USA nach langer Zeit wieder mal als Supermacht zeigen konnte, hätte sein angekratztes Image aufpoliert. Aber das amerikanische Volk wollte nicht, nicht einmal der Kongress. Wen interessierte schon Kuwait?

Also das alte Problem: Wie kriegt man sie herum? Die Kuwaitis betrauten nun für über zehn Millionen Dollar die New Yorker PR-Firma „Hill & Knowlton“ und ließen zuerst mal herausfinden, was die Amerikaner am meisten verabscheuten. Es war Babymord. Nun engagierte man ein fünfzehnjähriges Mädchen, Nayirah, delikaterweise die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA. Sie hatte mit eigenen Augen das Grässliche gesehen. Sie kamen mit Gewehren ins Krankenhaus und haben Babys aus den Brutkästen geholt. Die Brutkästen haben sie mitgenommen und die Babys auf dem kalten Boden sterben lassen. Es war entsetzlich! Die grauenhaften Brutkastenstory … schockierte und empörte die Welt…

Und auch der Kongress sieht jetzt die Zeit gekommen, die Aggression dieses gnadenlosen Diktators aufzuhalten, dessen Truppen schwanger Frauen aufspießen und Babys aus Brutkästen reißen.

Alles erstunken und erlogen, wie sich später herausstellte – aber es war eine gute Propaganda. Die Menschen waren bereit, der Krieg konnte stattfinden. Jetzt schlug die Stunde des Norman Schwarzkopf.

 

Täuschen wir uns nicht, der Aufruf von Papst Urban II. ist noch längst nicht verhallt. Die Kreuzzüge sind nicht alte Geschichte – wir stecken noch mitten drin in dieser unseligen Geschichte.

Heiliger Krieg auch in Bosnien gegen die Muslime. Es geht um „heilige serbische Erde“.

Die Muslime sprechen von einem „neuen Kreuzzug“ gegen sie und rüsten zum „Heiligen Krieg“. Und die Serben sprechen von „Rache für das Amselfeld“ wo die muslimischen Türken 1389 die Serben vernichtend geschlagen haben. Das Amselfeld liegt im Kosovo, das in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr von Albanern besiedelt wurde, und die sind überwiegend Muslime. Als Belgrad die von Kroatien vertriebenen Krajina-Serben im Kosovo ansiedeln wollte, drohten die Albaner „dass sie nicht tatenlos zusehen werden“.

Der nächste Kreuzzug ist schon vorprogrammiert!

 M. M.

 

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