UhrSieht man sich das Leben der meisten Zeitgenossen an, dann kann man wohl kaum behaupten, dass sie unterbeschäftigt wären. Ganz im Gegenteil. Ein Termin jagt den anderen, eine Verpflichtung löst nahtlos eine andere ab – Arbeit, Familie, Freunde, Hobby, Kultur, Einkaufen – ja selbst die Freizeit ist bis zur letzten Minute mit Aktivitäten ausgefüllt und teilweise sogar bis ins Detail geplant. Wo bleibt bei all dem noch Zeit für Ruhe und Kontemplation? Wo kann der Mensch noch überprüfen, ob die Aktivitäten seines Lebens Sinn ergeben oder ob er nicht besser zumindest einen gewissen Teil seiner Zeit für andere Dinge reservieren sollte? Es ist kein Wunder, dass die psychische Belastung für viele immer unerträglicher wird und Erkrankungen wie Burn-out und Depression zu wahren Volkskrankheiten geworden sind.

Doch das Seltsame an all der Geschäftigkeit ist, dass trotz der vielen Aktivitäten oder gerade wegen diesen, das Leben als sehr schnell dahin treibend empfunden wird. Das Leben wird so als immer kürzer empfunden und zwar völlig unabhängig davon wie viel Zeit nun objektiv vergangen ist. Wir leben zwar statistisch gesehen immer länger, doch haben wir psychisch scheinbar nichts davon. Die Qualität des Lebens hängt im Wesentlichen davon ab, wie intensiv und sinnerfüllt die Zeit empfunden wird und nicht von der schlichten Dauer derselben. Wir unterliegen heutzutage immer mehr dem Irrtum Quantität für Qualität zu halten. Zieht man Bilanz über seine täglichen Aktivitäten, so lässt sich eine lange Liste anfertigen – wir tun wahrscheinlich alle viel mehr als unsere Vorfahren in einem viel längeren Zeitraum. Diese vielen Aktivitäten steigern aber ganz und gar nicht die Intensität unseres Lebens, ja sie stumpfen sogar ab und dämpfen das Erleben erheblich. So kann man etwas überspitz wohl behaupten, dass wir grundsätzlich je mehr wir tun, desto weniger erleben!

Es wäre nun sehr leicht dem Arbeitsstress, den hohen Anforderungen des modernen Lebens die Schuld an all diesen Dingen zuzuschreiben. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass „Stress“ nur die politisch korrekte Bezeichnung für Angst ist. Sich jedoch zur Angst zu bekennen gefährdet unsere sozialen Status, von Stress zu sprechen hingegen erhöht ihn sogar, da man uns dann für wichtig hält. So kann ein und dieselbe Sache, je nachdem wie wir sie bezeichnen, den Status begünstigen oder ihn niederdrücken. Und machen wir uns nichts vor: im sozialen Leben ist für die allermeisten Menschen der Status die treibende Kraft schlechthin. Wo man sich in der sozialen Hierarchie befindet ist für die Psyche vieler schlichtweg eine Frage des Überlebens. Aufgrund des Status’ orientieren wir uns, wir senden diesbezügliche Signale an unsere Umwelt aus, ob wir dies nun wollen oder nicht, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. In Wahrheit ist es unsere psychische Konstitution, unsere innere Einstellung zu den Dinge, die wir tun, die darüber bestimmt, ob wir gestresst sind oder nicht, ob wir das Leben als sinnvoll empfinden oder nicht und letztlich auch darüber, wie wir den Verlauf der Zeit wahrnehmen. Unabhängig von den objektiven Umständen empfinden Menschen völlig unterschiedlich. Was für denen einen bereits eine stressbeladene Situation ist, ist für einen anderen immer noch recht entspannt. Je nach Erwartungshaltung empfinden wir eine Stunde als eine Ewigkeit oder als ein Augenblick, der wie im Flug dahingegangen ist.

 

Einige Gründe dafür, dass das Leben als kurz empfunden wird

  • Viele Menschen teilen ihr Leben in bestimmte Abschnitte ein und trennen strickt zwischen diesen. Das ist an sich noch keine schlechte Sache, kann jedoch dort Schwierigkeiten bereiten, wo ein Bereich als eine bloße Notwendigkeit betrachtet wird, die man im Grunde nicht tun möchte und deshalb die damit verbrachte Zeit nicht als „eigentliche Lebenszeit“ auffasst. Zu diesem Bereich gehört oft die Arbeit. Es sind dies die Menschen, die um des bloßen Geldes oder Ansehens willen eine Arbeit ausübten, dies jedoch sogleich beenden würden, wenn sie dazu in der Lage wären (durch einen Lottogewinn, eine Erbschaft oder dergleichen). Nach verlässlichen Studien ist die Anzahl der Menschen, die an ihrem Arbeitsplatz in „stiller Verzweiflung“ vor sich hin leiden, sehr groß. Wenn man nur seine Freizeit als „Lebenszeit“ wertet, dann das Leben einem sehr leicht zwischen den Fingern zerrinnen.
  • Viele Menschen verbringen ihre Zeit mit nutzlosen Dingen. Nicht selten sind es Leute, die gewohnt sind, dass ihr Leben von den „Umständen“ und von anderen Menschen derart bestimmt wird, dass sie kaum mehr wissen, was sie mit ihrer noch verbliebenen freien Zeit anfangen sollen, wenn sie einmal über solche verfügen. Diese wird dann mit schlichter Unterhaltung, Essen, Sex oder Ablenkungen aller Art verbracht, die keine wirkliche Eigeninitiative oder intensive Beschäftigung erfordern.
  • Ein anderer Grund für die „Schnelllebigkeit“ unsere Zeit ist die Faulheit. Damit ist nicht die offensichtliche Faulheit gemeint, bei der sich jemand offen dem Müßiggang hingibt, sondern jene Art, bei der der einzelne sich ins „Vielbeschäftigtsein“ flieht und dadurch die wirklich wichtigen Dinge im Leben vermeidet. Man kann durchaus ständig etwas zu tun haben, aber nicht die richtigen Dinge erledigen, eben jene, die getan werden müssten. Meist handelt es sich dabei um Routineaufgaben, Dinge, die bekannt sind, die zwar Zeit und eine gewissen Intensität erfordern, jedoch relativ frei von Gefahren und der Notwendigkeit Entscheidungen zu treffen und sich dem Neuen zu stellen sind. Vor allem sind es meist Tätigkeiten, die keinen Mut und keine Kreativität erfordern. Hierher gehören auch alle Tätigkeiten, die nur die Langeweile vertreiben sollen und besonders gerne von Leuten ausgeübt werden, die sonst nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Wie man die Zeit bis zum Tod herumbringt, ist für viele ein echtes Problem – doch die Welt bietet dafür ständig Ablenkungen, so dass man sich kaum einmal ernsthaft mit dieser Sache auseinandersetzen muss – und genau hierin liegt auch die Gefahr, dass man diesen „leichten“ Weg wählt, anstatt das Richtige zu tun.

 

Einige Vorschläge, um der Zeit mehr Qualität zu geben

  • Seine eigenen Ziele und Werte im Leben zu kennen, erleichtert es sich auf diese zu konzentrieren. Ohne zu wissen, was man im Leben möchte, wird man zum Spielball anderer und der Umstände und damit verbringt man sein Leben letztlich fremdbestimmt. Dass die so verbrachte Zeit nicht als besonders wertvoll empfunden wird, liegt auf der Hand.
  • Die Fähigkeit die Dinge im eigenen Leben in einen größeren Zusammenhang zu stellen und dadurch zu einem besser Verständnis zu gelangen, ist sehr wichtig, wenn man seinem Leben Qualität verleihen will. Man könnte auch sage, es ist dies die Fähigkeit dem Leben Sinn zu geben.
  • Die Fähigkeit sich auf eine Sache zu konzentrieren und hinzugeben ist sehr wichtig, wenn es um die Qualität im Leben geht. Dadurch ist der Geist gefordert, man verschmilzt im besten Fall mit dieser Sache und es stellt sich sogar ein Gefühl der Zeitlosigkeit ein. Es ist dies die Ernsthaftigkeit mit der Kinder ihren Spielen nachgehen und die die meisten Erwachsenen in ihrem Leben nur noch selten erleben. In einer Zeit des kulturellen ADHS ist es alles andere als leicht zu dieser Art der Weltwahrnehmung zurückzufinden, dabei wäre dies ganz natürlich für uns. Möglichkeiten seinen Geist dahingehend zu trainieren sind etwa Meditation oder das Gebet – überhaupt eignen sich religiöse Rituale und Praktiken sehr gut zu diesem Zweck.
  • Körperliche Aktivität ist ebenso geeignet fokussierter zu werden, gerade dann wenn sie herausfordernd ist und man dabei ins Schwitzen gerät. Es ist inzwischen nachgewiesen, dass Sport, in einem gesunden Maß, auch das Gehirn optimal stimulieren kann. Man merkt dies oft daran, dass einem dann, gerade beim Ausdauersport, gute Ideen kommen, man neue Einsichten erlangt und danach über viel mehr Kreativität verfügt.
  • Die Fähigkeit zwischen „dringend“ und „wichtig“ unterscheiden zu können. Dringende Dinge sind immer zuerst zu erledigen; dass eine Sache wichtig ist, ist noch nicht genug, um ihr Priorität zu verleihen.

 

Im alten Griechenland unterschied man zwischen zwei Arten von Zeit: Chronos und Kairos. Unter Chronos ist die Quantität der Zeit zu verstehen – dabei handelt es sich um jene Aspekte der Zeit, die man messen kann. Unsere Bezeichnung „Chronometer“ für Uhr weist noch heute darauf hin. Daneben gab es aber auch einen qualitativen Aspekt der Zeit, der Kairos genannt wurde. Und dieser Teil der Zeit ist es, den wir in der heutigen Zeit kaum mehr beachten. Wir brauchen neben dem Chronometer auch einen „Kairometer“ (ein Messinstrument für die erfüllte bzw. erfüllende Zeit), wollen wir nicht von der Zeit „erschlagen“ werden. Wollen wir wieder die Herrschaft über die Zeit antreten, dann muss es uns gelingen beide Aspekte miteinander zu vereinen. Ein afrikanisches Sprichwort sagt, dass die Menschen im Westen die Uhren hätten, doch die Afrikaner hätten die Zeit. Genauso ist es, doch es steht uns allen offen unsere Leben intensiver zu leben und ihm damit mehr Qualität zu geben. Und damit ist das Leben dann auch nicht mehr so kurz.

 

            Euer O. M.

 

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