RavenEs ist wohl richtig, dass ein Großteil der Menschheit unter einem Mangel an Freiheit leidet, ebenso wie unter der Abhängigkeit von anderen. Deshalb ist es nur verständlich, dass wir versuchen uns selbst zu befreien und dabei danach streben ein Höchstmaß an persönlicher Stärke zu erreichen, so dass wir nicht von anderen abhängig sind. Auf der anderen Seite jedoch ist mit diesem Streben ein gewisser Preis verbunden, der in vielen Fällen recht hoch sein kann. Für die meisten Leser dieses Blogs gehört Freiheit zu den höchsten Werten überhaupt, weshalb hier einige wichtige Bemerkungen zur Freiheit und Unabhängigkeit gemacht werden sollen.

Das Streben nach Freiheit kann in extremen Fällen soweit gehen, dass einer immun für die Einflüsse von außen wird. Manche Individuen entwickeln eine Engstirnigkeit, eine Halsstarrigkeit, die dazu führt, dass sie völlig selbstabsorbiert werden und in der Folge keine neuen Informationen mehr zulassen. Vor allem aber werden solche Dinge nicht zugelassen, die nicht in ihr vorgefertigtes Weltbild eingeordnet werden können. Ein solcher verschlossener Geist ist oft das Resultat einer ursprünglichen Angst, der Angst davor von anderen manipuliert zu werden. Deshalb musste die Persönlichkeit geschützt werden, um so ein eigenes Profil aufbauen und in der Welt aufrechterhalten zu können. Langfristig hindert diese Haltung einen jedoch daran persönlich zu wachsen. Deshalb müssen wir sehr vorsichtig sein, dass wir nicht zu dieser Gruppe von Leuten gehören; und sollte dem doch so sein, dann sollten wir dagegen angehen und unseren Geist wieder für die Welt und andere Menschen öffnen.

Wir müssen lernen Informationen, die uns erreichen zu überprüfen. Dies ist sehr eng mit der Fähigkeit „nein“ zu sagen verbunden, „nein“ zu den Forderungen und Ideen von anderen. Jemand, der das, was andere von einem wollen nicht zurückweisen kann, jemand der stets den Ideen und Gedanken anderer folgen muss, ist jemand der keine persönlichen Grenzen besitzt – ein solches Individuum ist wie ein Blatt im Wind, das mal hierhin, mal dorthin getrieben wird, ohne dabei die geringste Kontrolle über sein eigenes Leben zu haben. Man kann sich leicht vorstellen, was für ein trauriges Leben so jemand führt. Das andere Extrem wird vertreten durch eine Person, die stets alles zurückweist, was von anderen kommt. Die erstgenannte Person hat keinerlei persönliche Grenzen, die zweite jedoch hat derart undurchdringliche Grenzen, ähnliche einer dicken Mauer, die etwas von außen Kommendes überhaupt nicht mehr zulässt. Wir sehen, dass beide Extreme ein Desaster im Leben eines Menschen darstellen.

Was wäre nun hier die ideale Position? Welche Art und welches Maß an „Offenheit“ sollten wir den Einflüssen von außen entgegenbringen? Die beste Art mit „eindringenden“ Informationen umzugehen besteht darin einen „Wächter“ am Tor unseres Geistes aufzustellen. Das bedeutet, dass wir, ähnlich wie beim Zoll, wenn wir ein fremdes Land betreten, das Neue auf seine „Identität“ hin überprüfen. Unser Wächter sollte dabei die Konzepte, Vorschläge, Behauptungen und Forderungen der anderen genau unter die Lupe nehmen und auf ihre Stichhaltigkeit und ihren Wert für uns überprüfen. Dieser Wächter ist nichts anders als unsere Bewusstheit, unser rationaler Verstand und auch das, was wir „Hausverstand“ nennen. Auf diese Weise bleiben wir einerseits unabhängig, auf der anderen Seite schützt sie uns jedoch auch vor Engstirnigkeit und weiters davor, dass wir zu schrulligen und seltsamen Menschen werden, deren Geist sich der Welt zu lange verschlossen hat. Kluge Leute überprüfen die hereinkommenden Botschaften und Neuigkeiten auf zwei Aspekte hin: 1.) auf den Inhalt (Was ist die Botschaft? Ist sie wahr?) und 2.) auf die Motive und die Quelle der Botschaft (Wer ist der Botschafter? Was möchte der Botschafter? Was ist sein Interesse?).

Auf kompetente Leute zu hören ist ein Zeichen von Weisheit. Dabei müssen wir jedoch vorsichtig sein: Überlegenheit kommt von der Erfahrung, nicht von der Ausbildung her! Wann immer wir zwischen einem Experten und einer Person mit viel Erfahrung auf einem bestimmten Gebiet zu wählen haben, dann sollten wir uns für den Erfahrenen entscheiden. Es ist ein Mythos unserer Kultur, dass wir in erster Linie auf die Experten hören sollen (eine Propaganda die vor allem durch die Experten selbst geschürt wird). Viele Untersuchungen zeigen die Ergebnisse, die dabei herauskommen, wenn man auf Experten hört – sie sind sehr ernüchternd (so ist es etwa bei der Psychotherapie so, dass sie in einem Großteil der Fälle überhaupt keinen Effekt hat und in den besseren Fällen geringfügige Veränderungen zum Positiven bewirkt. Wirkliche Heilungen kommen zwar vor, sind jedoch nicht besonders häufig). Seine Ideen auf die Meinungen von Experten zu bauen, bedeutet sehr häufig sein Haus auf Sand gebaut zu haben.

Es ist auch sehr wichtig darauf zu achten, mit wem man seine Zeit verbringt. Kein Einfluss auf den Menschen ist stärker als jener der sozialen Umgebung. Schau dir die fünf oder zehn Menschen an, mit denen du die meiste Zeit verbringst (Freunde, Arbeitskollegen, Angestellte, Geschäftspartner, Familie etc.). Je mehr Zeit du mit bestimmten Leuten verbringst, desto mehr wirst du wie sie werden. Wenn Du Dich mit Narren umgibst, darfst Du nicht überrascht sein, wenn Du bald selbst zu einem wirst. Wenn u hingegen Zeit mit kompetenten und optimistischen Leuten verbringst, wirst auch Du früher oder später kompetent und optimistisch werden. Das ist schlicht und einfach ein soziales Gesetz. Gute Laune, schlechte Laune, Erfolg, ebenso wie Fehlschläge sind sehr oft das Ergebnis der Zeit, die man mit den entsprechenden Leuten verbringt. Solche Dinge werden übertragen, man kann sich damit „infizieren“ wie mit einer Krankheit, die sich in einer Gruppe von Menschen ausbreitet. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Misserfolge im Leben eines Menschen auf die Leute im „Hintergrund“ zurückzuführen sind. Doch solche Dinge werden für gewöhnlich nicht gesehen, besonders nicht in einer individualistischen Kultur, die im Allgemeinen nur auf das Individuum schaut.

Der Narr ist halsstarrig, der Weise bleibt offen für Ratschläge – die richtigen Ratschläge, wohlgemerkt! So lasst uns die Fähigkeit zwischen guten und schlechten Informationen, zwischen guten und schlechten Ratschlägen unterschieden zu können entwickeln. Die Zeit, die wir dafür brauchen ist in jedem Fall gut investiert.

 

Euer O. M.

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