AUFSTIEG UND FALL

muratIm Herbst 1813 stand der große französische General, Marschall Joachim Murat (1767-1815), vor einem großen Problem. Erfolgreich auf dem Schlachtfeld und hoch dekoriert, hatte er Napoleons Aufstieg zur Macht mitgemacht und sich in Frankreich und Europa einen Namen gesichert. Er profitierte von den Eroberungen des französischen Kaisers, der ihn 1806 zum Großherzog der neu geschaffenen Herrschaft Berg in Westdeutschland gemacht hatte. Murat hatte die Schwester Napoleons, Caroline, geheiratet, wodurch die beiden Männer auch familiäre Bande miteinander teilten. Bald darauf war Murat bei der Verteilung Europas 1808 zum König von Neapel gemacht geworden, nachdem der  Bourbonenkönig Ferdinand IV. vom Thron gestützt worden war. Murat hatte lange eine wichtige Regel der Macht befolgt, nämlich sich seinen Herrn nicht zum Gegner zu machen und diesem alle Ehre zu geben. Doch nachdem über eineinhalb Jahrzehnte lang Europa mit Krieg überzogen worden war, wurde immer mehr klar, dass Napoleons Kriegsführung nicht mehr so ausgezeichnet funktionierte wie noch einige Jahre zuvor. Glänzende Erfolge wie jene bei Ulm und Austerlitz (1805) und Jena/Auerstädt/Vierzehnheiligen (1806) wurden spärlicher und spätestens ab der sinnlosen und mit äußerster Gewalt geführten Expedition nach Spanien, war klar, dass Napoleons Herrschaft  sich ihrem Höhepunkt näherte oder diesen bereits überschritten hatte (Außenminister Talleyrand und Polizeiminister Fouché konspirierten 1808 gegen den Kaiser und erwägten sogar Murat zu seinem Nachfolger zu machen).

Nun aber hatte Napoleon das Fass zum Überlaufen gebracht. Nach seinem russischen Desaster im Jahre 1812, kam es im Oktober 1813 zur großen Völkerschlacht bei Leipzig, die überaus verlustreich war und die ganze Stadt Leipzig mitsamt dem Umland mit (verwesenden) Leichen übersäte, so dass in der Stadt Seuchen ausbrachen.  Mit äußerster Kraftanstrengung war es den alliierten Preußen, Russen und Österreichern gelungen Napoleon zu besiegen. Murat sah nun den Stern seines Meisters endgültig im Sinken und fürchtete um sein Königreich.  Deshalb beschloss er, sich von Napoleon zu trennen, was dann auch in Erfurt geschah. In Windeseile jagte er nach Süden und sann über seine Zukunft nach. Er sandte daraufhin eine Geheimboten nach Wien zum österreichischen  Staatskanzler Clemens Fürst Metternich. Murat bot nun den Alliierten seine Unterstützung im Kampf gegen Napoleon an, sofern ihm im Gegenzug sein Königreich Neapel belassen wurde. Metternich, der zu diesem Zeitpunkt jede Hilfe gegen den Usurpator gebrauchen konnte, unterzeichnete die Vereinbarung. Damit hatte Murat Anfang 1814 endgültig Verrat am französischen Kaiser, seinem Herrn, begangen.

Noch im Jänner 1814 lässt Murat seine Maske fallen und marschiert in Rom und in der Toskana ein, kurz darauf überfällt er auch die Romagna. Auf dem Wiener Kongress (1814-1815) stellte der „Fall Murat“ ein großes Problem dar, vor allem als es um die Neuaufteilung Italiens ging. Die alten Aristokratien unter dem Geist der Restauration, der bereits am Kongress zu spüren war, waren sich einig den Emporkömmling vom neapolitanischen Thron zu stürzen und König Ferdinand seine Krone zurückzugeben. Doch welche Handhabe hatte man gegen Murat? Schließlich hatte man ein Jahr zuvor, im Eifer der Ereignisse und unter dringenden militärischen Gesichtspunkten, ihm sein Königreich garantiert. Da kam dem Kongress Murats hitziges Wesen entgegen. Im Februar 1815 floh Napoleon von Elba und landete an der französischen Küste, von wo aus er über Grenoble nach Paris zu  marschieren im Begriff war. Murat entdeckte nun seine alte Zuneigung zu Napoleon wieder und schloss sich  diesem an. Im Juni 1815 wurde Napoleon endgültig im belgischen Waterloo geschlagen und unter englischer  Bewachung auf die verlassene Insel St. Helena im Südatlantik verbannt, wo er 1821 starb. Murat war nun in großer Not und floh zuerst in die Provence, dann nach Korsika, bis er schließlich in Kalabrien strandete, wo  er aufgegriffen und standrechtlich erschossen wurde. In Neapel wurde der Bourbone Ferdinand als neuer alter König wieder eingesetzt.

 

INTERPRETATION

Murat war ein kluger Höfling, der es verstand seinen Meister nicht in den Schatten zu stellen. Lange Zeit war er ein Vertrauensmann Napoleons, der dessen Treue und militärische Verdienste überaus reich zu belohnen wusste. Doch es gab schon bald Anzeichen dafür, dass Murat weniger vertrauenswürdig war, als der Kaiser angenommen hatte, denn er beklagte sich ebenso wie Napoleons Bruder Joseph, der König von Spanien, über die mangelnde Eigenständigkeit seines Königreichs. Man sei nur ein Vasall Frankreichs und wolle mehr  Unabhängigkeit. Was das Großherzogtum Berg anbelangte, brachte Murat dafür noch Verständnis auf,  schließlich befand sich Berg im „Grand Empire“. „Vergessen Sie nicht, dass ich Sie nur meinem System zuliebe zum König gemacht habe!“ empfahl der Kaiser seinem Marschall. „Man ist nicht König, um zu gehorchen!“ hatte Murat trotzig darauf geantwortet. Schon die Schenkung Neapels an Murat hatte einen Schönheitsfehler, denn Napoleon als Korse, der in starken Familienclankategorien dachte, hatte in erster Linie seine Schwester Caroline, Murats Frau, bedacht, wodurch Murat von Anfang an gekränkt war. Die Ehe mit Caroline war denn auch eine sehr schlechte. Weitere Eingriffe Napoleons in die Herrschaft des Königs von Neapel folgten: Er verbot Murat Botschafter zu ernennen und untersagte Franzosen einen Treueeid auf Murat abzulegen. Letztere Maßnahme  führte zu einer „Nationalisierung“ des Adels, denn bis dahin hatte die Aristokratie sich als kosmopolitische Gesellschaft verstanden, die wie die „Hirten“ über die „Herden“ wachten, wobei die „Schafe“ stets austauschbar waren und die Nation keine Rolle gespielt hatte, ja noch weitgehend unbekannt war. Murat seinerseits ergriff Zollmaßnahmen gegen Frankreich und umgab  sich mit „verdächtigen“ Italienern, die antifranzösisch eingestellt waren und Murat mit der Idee eines vereinten Italien vertraut machten und in ihm auch entsprechende Wünsche geweckt hatten. Murat durchbrach selbst mehrfach die Kontinentalsperre, die jeden Handel des Kontinents mit England unterbinden sollte.  Die von Napoleon geforderten Reformen (z.B. die Einführung des „Code Civil“) wurden von Murat nur halbherzig durchgeführt. Dieser Geist der Rebellion und das Sich-beliebt-machen-wollen bei der  eigenen, neapolitanischen, Bevölkerung führten letztlich zum Verrat.

Als Napoleons Stern im Sinken begriffen war, trennte sich Murat brutal von ihm und half sogar mit ihn zu Fall zu bringen. Auch das ist ein Gesetz der Macht, das er eingehalten hatte. Im weiteren Verlauf machte Murat einige sehr entscheidende Fehler. Er hatte zwar auch schon bisher militärische Fehler begangen, indem er sich beispielsweise gegen den Befehl Napoleons zu direkten Frontalangriffen hinreißen ließ, was zu großen Verlusten führte und manchmal nur vom Kaiser selbst ausgebügelt werden konnte. Hätte Murat sich in Neapel still verhalten und sich mit seinem Königreich begnügt, wäre er möglicherweise, trotz der Abneigung der europäischen Mächte (vor allem England und Frankreich) auf seinem Thron geblieben. Hätte er nicht versucht weitere italienische Gebiete für sich zu beanspruchen (wie etwa Teile des Kirchenstaates), hätte es möglicherweise sogar eine Einigung am Wiener Kongress gegeben (Metternich schützte Murat eine Zeitlang, was von den anderen Alliierten als Schwäche des Kanzlers ausgelegt wurde). Erst Murats Hitzköpfigkeit und seine falsche Einschätzung der Stärke Napoleons 1815, brachen ihm das Genick. Nun war es für seine Gegner ein Leichtes ihn vom Thron zu entfernen und ihn hinrichten zu lassen.

 

LEKTIONEN

* Die Beherrschung der Gefühle ist der Schlüssel zur Macht schlechthin. Das heißt vor allem auch sich nicht blenden zu lassen von einer charismatischen Persönlichkeit, die aufgrund eine Kombination von Glück und Fähigkeiten übermenschlich erscheint.

* Die Realität als das sehen was sie ist.

* Die Dinge bis zum Ende durchdenken, einen möglichst weiten Blick in die Zukunft entwickeln.

* Wissen wann man seinem Meister folgen muss und wann nicht.

* Mann muss wissen, wann man dabei ist eine Sache zu übertreiben und muss sich selbst Einhalt gebieten.

* Erkennen was der Zeitgeist ist, besonders all jenes, was noch unter der Oberfläche liegt.

 

Euer O. M.

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