MetternichAm 15. Juli des Jahre 1820 wurde der erste Minister des Österreichischen Kaisers, Clemens Fürst von Metternich, durch eine Depesche an das Sterbebett seiner geliebten Tochter Marie gerufen. Doch das war nicht die einzige Hiobsbotschaft des Tages. Eilig zurück ins Kanzleramt beordert, erfuhr er von einem Militärputsch, der sich im Königreich Neapel ereignet hatte und dem greisen König Ferdinand IV. eine liberale Verfassung aufgezwungen hatte. Ähnliches war erst im Frühjahr in Spanien geschehen. Metternich war äußerst aufgebracht, denn dem Fels in der Brandung, dem Mann, der wie kein anderer für Ordnung und das Monarchische Prinzip in Europa stand, verabscheute und fürchtete nichts so sehr wie die Revolution, von der er wusste, dass sie sich wie ein Lauffeuer über den ganzen Kontinent ausbreiten konnte. Zudem traf ihn die Nachricht aus Neapel völlig überraschend; im Mai noch hatten seine Informanten von der italienischen Halbinsel berichtet, alles sei dort ruhig und in bester Ordnung. Es galt die Heilige Allianz, den restaurativen Dreibund der monarchisch-absolutistischen Staaten Österreich, Preußen und Russland, auf den Plan zu rufen.

Das erste Problem, das sich nun stellte, war, dass Preußen in Italien keine Interessen hatte und Russland verstimmt war, da beim Putsch in Spanien nicht interveniert worden war, wie Zar Alexander I. es gewünscht hatte. Nun waren vor allem Österreichs Interessen betroffen, Neapel konnte einen Flächenbrand in Italien auslösen und nationalistische Bestrebungen nach oben spülen – alles fatal für Österreich, das in Norditalien große Besitzungen (vor allem Lombardei und Venezien) hatte, dessen Vielvölkerstaat notgedrungen durch den Nationalismus zugrunde gegangen wäre. Nicht zu unterschätzen war zudem auch die Wirkung auf Deutschland, wo erst kurz zuvor die nationalen Bestrebungen, vorerst, erstickt worden waren (vor allem durch die Karlsbader Beschlüsse von 1819). All dies in Betracht ziehend, entschied sich Metternich die Angst bei den Fürsten Europas zu schüren. Frankreich hatte ebenfalls an einem Eingreifen in Neapel ein Interesse, da König Ferdinand aus der Dynastie der Bourbonen stammte; allerdings war Frankreich, ebenso wie England, als Vertreter liberaler Verfassungen nicht unbedingt daran interessiert, dass Neapel zum Prinzip der absoluten Monarchie zurückkehrte. Frankreich drängte nun darauf, dass Österreich seine Hegemonie über Italien nicht noch weiter ausbauen konnte und deshalb nur mit einem „Europäischen Mandat“, das heißt durch Beschluss der „Pentarchie“ (England, Frankreich, Preußen, Russland, Österreich), wie sie auf dem Kongress von Aachen bereits bestanden hatte, für Ordnung sorgen dürfe.

Auf Drängen des Zaren kam es zu einem Kongress, der Ende Oktober 1820 beginnen sollte und in der österreichischen Stadt Troppau (Schlesien) abgehalten werden sollte. Als die Delegierten und Monarchen in Troppau eintrafen, stellte sich bald heraus, dass aus den fünf vom Aachener Kongress nun drei werden sollten (Österreich, Preußen, Russland). England und Frankreich schickten lediglich Beobachter, bei denen im Falle Frankreich noch nicht einmal Einigkeit untereinander herrschte. Damit war klar, dass das Monarchische Prinzip den Kongress dominieren würde, nachdem die Liberalen geschwächt waren. Darüber hinaus verhielt sich Preußen passiv und nahm mehr eine Staffagenposition ein. So blieben als entscheidende Kräfte nur Österreich und Russland übrig, das heißt genauer: Metternich und Zar Alexander.

Metternich, ein Mann des großen Wortes und der Überredungskunst, zog sich nun oft und lange mit dem Zaren zu Vieraugengesprächen zurück, in denen es ihm gelang den Zaren allmählich davon zu überzeugen in Italien einzumarschieren. Alexander war einst ein Liberaler gewesen, der den Ideen moderner Verfassungen zugetan war. Metternich erkannte bald, dass davon nicht mehr viel übrig geblieben war, die Erfahrungen, die der Zar in Polen gemacht hatte und die Entwicklung in Europa, hatten ihn immer konservativer werden lassen. Metternich lobte den Zaren ob seiner Einsichten und brachte ihn allmählich dazu daran zu glauben, dass Geheimgesellschaften den Umsturz der alten Ordnung überall in Europa betrieben (in Russland gab es zudem gerade einen Aufstand in einem vom Zaren sehr geschätzten Regiment). Man kam soweit überein, dass Österreich in Neapel die alte Monarchie wieder errichten sollte und gleichzeitig sollte ein allgemeines Interventionsrecht gegen alle Regierungen proklamiert werden, die durch Revolutionen an die Macht gelangt waren. Alexander wandelte sich immer mehr zum christlichen Propheten, der sich als Werkzeug der göttlichen Vorsehung sah, um die monarchistische Weltordnung aufrecht zu erhalten. Metternich hatte wesentlichen Anteil daran, dass der Zar diese Richtung einschlug, zudem begann Alexander Metternich immer mehr zu bewundern.

So weit so gut. Doch es gab eine Schwierigkeit, die sich immer mehr heraus kristallisierte. Der einflussreichste Minister des Zaren war Herzog Capodistria, der griechische Wurzeln hatte und ein glühender Anhänger liberaler Ideen war und von einem Russland träumte, das bis zum Bosporus reichte, Griechenland den Osmanen entriss und es unter russisches Protektorat stellte. Metternich hingegen konnte weder mit liberalen Ideen etwas anfangen, noch konnte er im Interesse Österreichs Russlands Ausdehnung auf dem Balkan und darüber hinaus gestatten. Als zu dieser Zeit in Griechenland Aufstände gegen die türkische Besatzung ausbrachen, gelang es Metternich den Zaren davon zu überzeugen nicht zu intervenieren. Für Metternich endete die Zivilisation an den südöstlichen Grenzen Österreichs, der Balkan und Griechenland lagen jenseits der kultivierten Welt.

Der eigentliche Gegner Metternichs, Capodistria, war nun ausgemacht, den Zaren, wenn er isoliert wäre, hatte Metternich in der Hand. Der Kongress zog sich dahin und wurde zu Beginn des Jahres 1821 ins wärmere Laibach verlegt. Nun hatte Metternich die kluge Idee König Ferdinand selbst zum Kongress einzuladen. Wenn der König frei wäre, würde er zum Kongress kommen, wenn er von den Aufständischen an einer Ausreise aus Neapel gehindert worden wäre, hätte man es nicht mehr mit einer legitimen Regierung zu tun und Österreich hätte einen Grund mehr gehabt in Neapel einzumarschieren. Der König durfte jedoch reisen und damit wurde Capodistria, aber auch Frankreich, die Basis entzogen. Nachdem diese Gegner Metternichs unschädlich gemacht worden waren und König Ferdinand, ein schwacher, alter Herrscher war, der alles unterschrieb, was man ihm vorlegte, lief der Kongress, den Metternich propagandistisch in seiner Bedeutung noch aufbauschte, ganz nach Metternichs Vorstellung. Österreich marschierte ohne große Gegenwehr in Neapel ein (die Aufstände einiger Rebellen wurde sogleich niedergeschlagen). Die Monarchie alten Musters wurde wieder eingeführt, ergänzt um zwei Räte, die jedoch vom König frei bestimmt werden konnten.

Im Frühjahr 1821 brach die Revolution in Piemont aus, was jedoch von Metternich erwartet worden war – dieses Mal war er wachsamer gewesen. Am 8. April wurden die Aufstände bei Novara endgültig niedergeschlagen und Österreich marschierte in Genua, Turin und Alexandria ein. Damit war die Hegemonie Österreichs über Italien komplett, die heilige Allianz, von Metternich auch die „Heilige Arche“ genannt, glänzte. Metternich genoss nun beim Zaren noch mehr Respekt und es war nicht mehr schwer Alexander davon zu überzeugen, dass Frankreich mit seiner Armee, um in Spanien gegen die Revolution aktiv werden zu können, kein Mandat erhalten sollte, denn man könne der französischen Armee nicht trauen, sie sei selbst von revolutionären Elementen durchsetzt. Österreich hatte seine Ziele durchgesetzt und Metternich strahlte als „Kutscher Europas“. Nach Beendigung des Kongresses wurde Metternich zum Staatskanzler ernannt, ein Amt, das seit dem großen Kaunitz (Kanzler Maria Theresias) vakant gewesen war.

 

LEKTIONEN

* Die besten Informationen sind jene, die man aus erster Hand gewinnt. Am allerbesten sind darüber hinaus jene, die man durch persönlichen Augenschein gewinnt, am zweitbesten jene, die einem durch Vertrauensleute vor Ort, auf direktem Weg, berichtet werden. Am schlechtesten hingegen sind Informationen, die den „Instanzenzug“ gehen, also die offiziellen Kanäle der Informationsbeschaffung.

* Hat man einen Feind ausfindig gemacht, muss man ihn vollständig unschädlich machen, es genügt nicht ihn nur zu schwächen.

* Man muss immer herausfinden welche Person die Machtdynamik kontrolliert. Diese muss man dann von der Basis abschneiden oder ihre Pläne auf andere Art unwirksam machen. Unterliege nicht der Illusion, dass diejenigen, die als die Mächtigsten erscheinen es auch tatsächlich sein müssen.

* Sorge dafür, dass Deine Kreuzzüge und Aktionen nach Möglichkeit den Anschein von Notwehr oder hoher Moral haben. Wenn Du angreifst, stelle sicher, dass Du nicht als Aggressor dastehst.

* Uneinigkeit in den eigenen Reihen macht Erfolge am diplomatischen Parkett beinahe unmöglich.

* Durch geschicktes diplomatisches Vorgehen, durch ein redegewandtes, einnehmendes Wesen, kann man so manchen Hardliner in einen Gemäßigten umwandeln oder auch umgekehrt. Wisse immer über den Charakter des anderen Bescheid und wie er zu behandeln ist.

 

Euer O. M.

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