Dagobert IEs gibt Zeiten in der Geschichte über die wir nur wenig wissen. Oft ist dies gerade deshalb erstaunlich, weil wir von noch früheren Zeiten nicht selten weitaus mehr wissen und ein „dunkles Zeitalter“ darauf folgt. Ein solches finden wir in der Zeit nach dem Ende des Weströmischen Reiches bis zur Karolinger Ära; das was man grob als „Frühmittelalter“ bezeichnet. Ein Königsgeschlecht regierte damals in Westeuropa, vor allem im heutigen Frankreich und Westdeutschland, das von den meisten lediglich dem Namen nach gekannt, ansonsten aber stiefmütterlich behandelt wird und seit 1200 Jahren in geringer Achtung seht; so wird es auch meist einfach übergangen: die Merowinger. Dass dieses Geschlecht so wenig Beachtung findet, hat mehrere Gründe. Einer jedoch sticht hervor und hat mit der Propaganda ihrer Nachfolger zu tun, die derart erfolgreich war (und ist), dass sich ihre Wirkung seit dem 8. Jahrhundert bis in unsere Zeit hinein erstreckt.

 

DIE „ROIS FAINÉANTS“

Seit Jahrzehnten schon war das fränkische Königtum zu einem Trauerspiel verkommen. Seit dem 7. Jahrhundert hatten die Könige die faktische Macht im Staat immer mehr ihren Hausmeiern (maior domus), den „politischen Geschäftsführern“ überlassen, von denen die ehrgeizigsten aus dem Hause kam, das später als die „Karolinger“ bekannt wurde. Das Amt des Hausmeiers entstand während der germanischen Völkerwanderung und blieb bei den meisten Völkern relativ unbedeutend – nur bei den Franken entwickelte es sich seit dem 6. Jahrhundert zu einer immer mächtiger werdenden Institution. Das Amt wurde bald nur noch von Adeligen bekleidet und wurde im Laufe der Zeit sogar erblich. Die Karolinger, die seit Pippin dem Älteren (623-640) das Hausmeieramt ausübten, taten sich besonders durch ihr Streben nach Macht hervor und erreichten im Jahre 687 die Vereinigung der Hausmeierämter im gesamten Frankenreich in ihrer Hand. Dieses Jahr 687 bildet auch das offizielle Datum der „Alleinherrschaft“ der Karolinger. Alle Merowinger nach Dagobert I. (629-639) waren lediglich Schattenherrscher.

Der Name „Karolinger“ geht auf einen der berühmtesten Hausmeier zurück, der in die Geschichte auch als der Bezwinger der Islam in Westeuropa bekannt wurde (durch die siegreiche Schlacht bei Tours und Poitiers 732), Karl Martell (dem Großvater Karls des Großen), der von 718 bis 741 regierte. Unglückliche Umstände hatten die formellen Herrscher, die Merowinger, dazu gezwungen lediglich als Marionetten ihrer Hausmeier zu dienen und hatten offiziell keinerlei Macht. Allerdings besaßen sie über einige Generationen hinweg immerhin noch genug Ansehen, um vom Volk noch als Könige anerkannt zu werden. Die alten germanischen Traditionen, die allerdings immer stärken mit romanischem Geist durchsetzt wurden, blieben gerade bei der einfachen Bevölkerung noch lange Zeit vorherrschend, so dass die Herrscher noch lange vom Respekt, der ihnen entgegen gebracht wurde, zehrten. Die Hausmeier jedoch verstanden es geschickt die Reputation der Könige allmählich zu schwächen und letztlich derart zu ruinieren, dass sich kaum einer mehr um den König scherte. Am Ende war es so weit gekommen, dass die Merowinger nur noch im Rufe standen „roi fainéants“, königliche Faulpelze, zu sein, lächerliche Figuren aus einer längst vergangenen Zeit. Symbol der Königswürde der Merowinger waren die langen Haare – etwas, das schon in biblischen Zeiten (siehe Samson) mit Kraft und Stärke in Verbindung gebracht wurde. Der letzte der Merowinger, Childerich III. wurde von den realen Machthabern bereits derart verachtet, dass man nicht einmal sein Geburtsdatum kennt (irgendwann zwischen 720 und 737), noch machte man sich die Mühe seine verwandtschaftliche Beziehung zu seinen Vorfahren festzuhalten, so dass wir heute nicht mehr wissen, von welchen Merowingern Childerich III. abstammte. Die Hausmeier hatten die Könige erfolgreich von aller Machtbasis abgeschnitten, so dass es letztlich ein Leichtes war sich ihrer ganz zu entledigen.

 

DER STURZ

Nachdem seit vielen Jahren die faktische Schwäche der Merowingerkönige unübersehbar geworden war, begannen die Hausmeier ihre „Herren“ immer mehr zu verachten und sogar öffentlich bloßzustellen. Nachdem diesem Verhalten weder von königlicher, noch adeliger, noch von kirchlicher Seite entschieden entgegengetreten wurde, nahm das Ausmaß der Entwürdigungen immer weiter zu. Die Karolinger hatten nämlich keineswegs den Adel gestärkt, also versucht eine Art Oligarchie zu errichten, sondern bauten eine Art „faktischer Königsmacht“ neben der formalroyalen Machtstellung auf. Dieses Auseinanderdriften zwischen formeller und realer Macht war für die germanische Tradition, der die Merowinger noch sehr stark verpflichtet waren, weitaus weniger untragbar geworden, als die mehr am romanischen Staatverständnis orientierten Karolinger (und die Kirche natürlich). Tatsächlich fand sich in dieser Diskrepanz eine Handhabe, die der neue Hausmeier, Pippin der Jüngere, der Vater Karls des Großen, im Jahre 751 klug zu nutzen wusste.

Der letzte Merowingerkönig, Childerich III. (gest. 755), von dem wir nur wenig wissen, wurde bereits in jungen Jahren von Karl Martell ins Kloster Sithui gesperrt. Die Folge war ein unbesetzter Thron für einige Jahre. Im Jahr 743 wurde Childerich noch einmal aus dem Kloster geholt, um an einigen Formalakten teilzunehmen, wozu man glaubte den König doch noch zu benötigen. Die Hausmeier sorgten dafür, dass der König dabei als stumpfsinniger, fauler Kerl dastand, der jede Würde und jedes Ansehen verloren hatte. So wurden die letzten Merowingerkönige im allgemeinen als in Ochsenkarren durchs Land gezogene, langhaarige Faulpelze dargestellt. Dann, im Jahr 751 hielt der Nachfolger Karl Martells, Pippin der Jüngere, die Zeit für gekommen, dem „Trauerspiel“ ein Ende zu setzen und Nägel mit Köpfen zu machen. Bischof Burkhard von Würzburg und Fulrad von St. Denis, die beiden wichtigsten Berater von Pippin, wurden mit einer Mission nach Rom zu Papst Zacharias geschickt. Der Papst sollte eine Entscheidung treffen, nämlich wer im Frankenreich regieren sollte: jener, der nur formell die Macht hatte oder jener, der sie faktisch ausübte. Der Papst entschied ganz im Sinne Pippins. Pippin dankte es der Kirche und schloss bald einen Pakt mit ihr (siehe auch die gefälschte „Pippinische Schenkung„). Im November 751 ließ Pippin daraufhin in Soisson eine Versammlung der Franken einberufen, auf der er sich selbst zum neuen König ausrufen ließ und im gleichen Zuge Childerich für abgesetzt erklärt wurde. Von nun an regierten die Karolinger das Frankenreich bis zum Jahr 911, worauf dann bald der erste deutsche Kaiser, Heinrich I. (919-936), den Thron bestieg. Childerich wurden die Haare geschoren und er musste noch im selben Jahr in das Kloster Sithiu eintreten, wo er wenige Jahre später, 755, starb. Er hatte einen Sohn von dem nur der Name, Theudebert, bekannt ist. Seit damals spielte das Haus Merowinger nie mehr eine Rolle in der Geschichte, wenn es auch keinen Beweis dafür gibt, dass es irgendwann ausgestorben wäre.

 

INTERPRETATION

Macht hat weniger mit einem Titel, einer Position, auch mit Ressourcen aller Art, als mit dem Charakter des Menschen zu tun. Oft steht eine Person auf der Bühne der Welt und erscheint als sehr mächtig und einflussreich, doch in Wahrheit stehen anderen im Hintergrund, die die Fäden in der Hand halten. Die „Graue Eminenz“ im Hintergrund ist ja längst sprichwörtlich geworden. Meist sind solche dominierenden Kräfte „hinter der Bühne“ öffentlichkeitsscheu und nur die wenigsten wissen von ihnen. Hin und wieder kommt es jedoch vor, dass eine faktische Herrschaft auch offen erkannt und von den handelnden Personen nicht einmal bestritten wird. Lediglich aus Rücksicht oder Respekt wird in solchen Fällen vermieden die Wahrheit anzusprechen. Fälle von faktisch regierenden „zweiten Männern“ hat es in der Geschichte immer wieder gegeben, auch in jüngerer Zeit. Man denke etwas an Fürst Metternich im österreichischen Kaisertum oder Otto von Bismarck in Preußen, bzw. dem Wilhelminischen Reich. Was die Situation der Merowinger jedoch herausragend macht ist, dass sich dieses Kräfteungleichgewicht zwischen dem herrschenden Monarchen und dem regierenden „Kanzler“ über viele Jahre und Generationen hinweg verfestigte, so dass es zum Kennzeichen der Herrschaft und des Fränkischen Reiches, spätestens ab der Mitte des 7. Jahrhunderts, geworden war.

Dabei hatte für die Merowinger alles einst gut begonnen. Das Haus leitete seine Herkunft von einem sagenhaften Vorfahren namens „Merowech“ ab, der Mitte des 5. Jahrhunderts gelebt haben soll. Auf ihn folgte Childerich I, der bis 482 regierte und auf den der erste fränkische Großkönig Chlodwig I. folgte, der 495 zum (orthodox-katholischen) Christentum übertrat und in der Geschichtsschreibung als erster König von Frankreich geführt wird. Seit Chlodwig wurden die französischen Könige in Reims gekrönt, eine Tradition, die sich bis zur Französischen Revolution gehalten hatte. Die Merowinger hielten die verschiedenen Reiche der Franken lange Zeit erfolgreich zusammen und konnten mit einigen fähigen Königen aufwarten (wie etwa Chlodwig I. oder Dagobert I.). Mit Dagobert I. erlebte das Reich noch einmal einen Höhepunkt, auf den dann der Fall bei seinen Nachfolgern folgt.

Schädlich für die Königstärke war natürlich auch der Zerfall des Fränkischen Reiches in mehrere Teilreiche im 7. Jahrhundert, dabei vor allem in Austrasien, Neustrien und Burgund. Zu diesem Zerfall kam es unter anderem aufgrund der Frührungsschwäche der Könige, die jedoch nicht auf charakterliche Mängel der Merowinger zurückzuführen war, sondern schlicht und einfach auf die Tatsache, dass von 639 an es eine ganze Reihe von sehr jungen Thronfolgern gab, die allesamt noch Kinder waren, als ihre Väter starben und so in den Einflussbereich mächtiger Adeliger in ihrem Umfeld gerieten (allen voran natürlich der Hausmeier). Dagobert I., der letzte große Merowinger, regierte sein Reich noch mit Stärke und Klugheit. Allerdings waren bei seinem Tod 639 seine beiden Söhne erst 9 (Sigibert III.) und 6 (Chlodwig II.) Jahre alt. Dieser nachteilige Umstand, junger, noch unreifer Monarchen alleine hätte wahrscheinlich noch nicht ausgereicht die Monarchie derart zu schwächen. Hinzu traten gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische, sowie religiöse Veränderungen, die in ihrem Zusammenwirken für einen immer größeren Verlust der Königmacht sorgten.

Dass die Merowinger in der Geschichtsschreibung so schlecht wegkommen, hat wesentlich mit der karolingischen Propaganda zu tun, die in der Zeit nach der Machtübernahme alles daran setzten ihre Vorgänger als dekadente, stümperhafte, faule Lachnummern dazustellen, um den Makel der eigenen Thronlegitimität vergessen zu machen. Allerdings war es auch für die Karolinger nicht leicht mit der Tradition zu brechen und ihre Machtübernahme zog sich über ein Jahrhundert hin. Wären die Merowingerherrscher tatsächlich so schwach und inkompetent gewesen, wie ihnen angedichtet wurde, hätten die Hausmeier leichteres Spiel gehabt und hätten die Königwürde schon zu einem viel früheren Zeitpunkt für sich in Anspruch genommen. Tatsächlich gab es schon vor dem Staatsstreich von Pippin frühere Versuche sich die Macht zu sichern, die allerdings von der Merowingern erfolgreich abgewehrt wurden (z.B. die „Grimoaldaffäre“, bei der der Hausmeier Grimoald seinen eigenen Sohn, anstatt des legitimen Dagobert II. auf den Thron bringen wollte und später vom Merowinger Chlodwig II. hingerichtet wurde).

Die karolingischen Chronisten, allen voran Einhard, der Geschichtsschreiber Karls des Großen, dienten ihren Herrn nach Kräften und schufen ein Bild von den Merowingern für die Nachwelt, das kaum ein gutes Haar an ihnen ließ. Diese Tradition hat sich bis in die jüngste Zeit hinein gehalten. Erst in jüngster Zeit gibt es kritische Stimmen, die die Merowinger in einem besseren, realistischeren Bild, zeichnen.

Der Dynastiewechsel kennzeichnet auch eine Änderung in der Legitimierung von Herrschaft. Nach altem germanischem Verständnis war die Herrschaft noch untrennbar an die Blutsverwandtschaft und damit vor allem an die Familie des Herrschers gebunden. Eine Möglichkeit, dass eine andere Dynastie den Thron bestieg, gab es grundsätzlich nicht. Durch das neue romanische Herrschaftsverständnis, wie es durch die Karolinger eingeführt wurde, bestand auch die Möglichkeit der Absetzung von Königen. Etwas, das von jenem Zeitpunkt an in Europa immer wieder angewandt wurde, um sich seiner Herrscher zu entledigen. Eine Vorstellung von einer ungebrochenen dynastischen Kette, wie sie etwas in Bezug auf das japanische Kaiserhaus herrscht, wurde in Europa nur schwer denkbar. Ausnahmen wie etwa der „Tyrannenmord“ wurden zwar bereits im Mittelalter diskutiert, doch die Absetzung von Königen wegen Inkompetenz oder charakterlicher Mängel, war eine neue Erscheinung. Insofern hat die Herrschaftsübernahme durch die Karolinger, wenn sie auch unrechtmäßig war, doch einen Präzedenzfall für die Nachwelt geschaffen, der zur Herausbildung des modernen Herrschaftsverständnisses beigetragen hat und bereits ein erster Schritt in Richtung Begrenzung von Macht darstellt.

 

LEKTIONEN

* Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben.

* Die „Geschichte“ ist eine Sammlung von Erzählungen, die für wahr gehalten werden. Damit verbunden ist die stets die Möglichkeit verbunden, dass unsere Vorstellungen von der Vergangenheit falsch sein können.

* Auch die Wissenschaften, selbst die Naturwissenschaften, sind Sammlungen von Erzählungen, die sich auf den jeweiligen Gegenstand der Wissenschaft beziehen.

* Propaganda kann so erfolgreich sein, dass sie noch über Jahrtausende in die Zukunft hinein reicht und die Vorstellungen der Menschen leiten.

* Menschen streben nach Macht. Wer einem anderen Macht überträgt, muss sicherstellen, dass er nicht allmählich in dessen Abhängigkeit gerät. Ein Herr darf es nicht zulassen von einem Diener (egal welches Amt er auch bekleiden mag) in den Schatten gestellt zu werden. Hier gilt es vor allem schon den Anfängen zu wehren.

* Man muss für seine Kinder gute Vorsorge treffen, für den Fall, dass man selbst früh sterben könnte. Dabei ist vor allem auf eine tüchtige Vormundschaft zu achten, die sich nicht selbst bereichert und dagegen ganz im Interesse der Nachkommenschaft handelt.

* Verliere niemals den Kontakt zu Deiner Machtbasis. Isolation ist der Tod, gerade für Menschen, die über Macht verfügen. So sehr der Mensch in Krisenzeiten dazu neigt, sich zurückzuziehen und alleine seine Wunden zu lecken, so notwendig ist es gerade dann den Kontakt zu suchen und sich der Loyalität und des Beistandes anderer zu versichern.

* Man darf die Entwicklungen der Zeit nicht übersehen. Gesellschaftliche Änderungen verlaufen weitaus langsamer, als die wirtschaftlichen oder politischen; trotzdem sind sie diejenigen, die am gravierendsten in ihren langfristigen Auswirkungen sind. Dabei hat auch deren Tempo sich in unserer Zeit beschleunigt. Alexis des Tocqueville war der erste der erkannte, dass „eine neue Generation wie ein neues Volk“ ist. Man darf sich dabei allerdings nicht vom oberflächlichen Augenschein täuschen lassen, denn die wahren Veränderungen geschehen im Geiste der Menschen, nicht in der äußeren Erscheinung. Dies nicht erkannt zu haben, war der Fehler vieler Herrscher in der Geschichte. Den Zeitgeist zu kennen ist immer wichtig, doch ist dieser Zeitgeist das, was erst im Entstehen begriffen ist, nicht das, was überall erblickt werden kann. Auf die Mode oder einen Trend zu setzen ist Unsinn. Auf was es alleine ankommt sind die großen „Kursänderungen“ einer Gesellschaft. Diese zu erkennen ist jedoch etwas, wozu der bloße Verstand nicht ausreicht, dazu bedarf es der Vernunft.

 

Euer O.M.

 

P.S.: Die „dunkle Zeit“ des Frühmittelalters, in der es einen erstaunlichen Mangel an historischen Quellen gibt (vor allem an archäologischen!), hat bei manchen (z.B. Heribert Illig) zur These vom „erfundenen Mittelalter“ geführt. Ihm zufolge fehlen in unserer Zeitrechnung etwa 300 Jahre und wir lebten demnach nicht im 21., sondern erst im 18. Jahrhundert! Was sich auf den ersten Blick völlig verrückt anhören mag, wird dabei durchaus vernünftig nachvollziehbar aufgezeigt. Freilich ist dies eine andere „Geschichte“, als jene, die man in der Schule gelernt hat. Aber auch diese ist eben eine Erzählung und der denkende Mensch muss entscheiden, welche er für sich als die bessere betrachtet. Siehe dazu http://www.fantomzeit.de.

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