Eine Nonne als Geschäftsfrau

Klosterfrau MelissengeistIm Jänner des Jahres 1830 erhielt eine 54-jährige Nonne aus Köln am Rhein einen Brief, der eine äußerst gute Nachricht beinhaltet. Er war vom preußischen Innenminister im Auftrag des Königs verfasst worden und enthielt die Antwort auf eine Bitte, die die Klosterfrau im November untertänigst an seine Majestät, König Friedrich Wilhelm III., gerichtet hatte. Nun wurde ihr gestattet, den von ihr hergestellten „Melissengeist“ mit dem Wappen, dem Adler des preußischen König, auf den Flaschenetiketten zu versehen und damit zu kennzeichnen. Damit hatte sie ein lange verfolgtes Ziel erreicht und ihre Herstellung des „Klosterfrau Melissengeist“ nahm einen gewaltigen Aufschwung. Langjährige Sorgen gehörten damit endgültig der Vergangenheit an.

Was war geschehen und wie war es so weit gekommen? Schwester Maria Clementine Martin wurde 1775 in Brüssel geboren, zog mit ihren Eltern (der Vater war Berufsoffizier) im Alter von acht Jahren ins ostfriesische Jever und trat mit 17 ins Kloster St. Anna in Coesfeld, das zum Orden der Annuntiatinnen gehörte, ein. Sie spezialisierte sich auf die Heilkunde und wurde zur Krankenschwester ausgebildet. Ein ausgesprochenes Talent besaß sie insbesondere für dem Umgang mit allerlei Kräutern und Rezepturen, aus denen Arzneien hergestellt wurden. Dabei kam sie auch mit streng gehüteten Geheimrezepturen in Kontakt, wie eben auch mit einem Universalmittel, das aus einem Melissengeist bestand.

1803 brach eine Katastrophe über das Kloster herein, wie über alle geistliche Herrschaften im ganzen Deutschen Reich. Der Reichstag in Regensburg hatte mit dem Reichsdeputationshauptschluss die Auflösung bzw. Säkularisierung der geistlichen Gebiete beschlossen. Auch das Kloster in Coesfeld wurde aufgelöst und die Nonnen damit heimatlos. Eine jahrelange Wanderschaft folgte. Als im Juni 1815 die Schlacht zwischen Napoleon und den Alliierten im belgischen Waterloo geschlagen wurde, diente Maria Clementine Martin als Krankenschwester und zeichnete sich dabei besonders aus, so dass der preußische König ihr eine jährliche Rente von 160 Goldtalern gewährte. Die finanziellen Sorgen waren von nun an nicht mehr so drückend. Als sie 1825 nach Köln kam, befand sich die Stadt in einem großen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Wirren der napoleonischen Zeit waren vorüber, der Aufbruch in das Industriezeitalter hatte begonnen und neue Unternehmen schossen, in der nun preußisch gewordenen Stadt, wie die Pilze aus dem Boden. So auch in jener Branche, in der die Klosterfrau tätig war: der Erzeugung von Duft- und Heilwässern, für die Köln schon lange berühmt war (unter anderem etwa durch die berühmte Marke „4711“). Es war jedoch eine Zeit, in der es noch kaum Schutz für geistiges Eigentum gab, es fehlt auch ein Gesetz über den Markenschutz, so dass viele sich mit jedem Namen und jedweder Bezeichnung schmückten. Die Prozesse, die deshalb wegen Plagiatsvorwürfen und unberechtigtem Namens- und Markengebrauch geführt wurden, waren sehr zahlreich. Auch Maria Clementine blieb nicht davor verschont, dass andere sich mit ihren Etiketten schmückten und gutes Geld damit verdienten. Die Empörung war groß, nicht etwa deshalb, weil die fromme Frau reich werden wollte, sondern weil nur sie das geheime Rezept ihres Melissengeistes kannte und ausschließlich sie für dessen hohe Qualität bürgen konnte. Würde ein anderer sich mit ihrem Etikett schmücken, stellten sich die Heilerfolge nicht ein und dieser Misserfolg würde dann wieder mit Maria Clementine in Verbindung gebracht werden.

Mitten in dieser Misere, hatte die Nonne eine Idee: Ein Etikett musste her, das niemand zu kopieren wagen würde! Wie wäre es da mit dem Wappen des Königs? Selbstbewusst schrieb Maria Clementine an seine Majestät und fügte neben ihrer Versicherung stets für König und Königshaus zu beten auch gleich Proben ihres Melissengeistes bei. Tatsächlich reagierte der protestantische König schnell und zur vollsten Zufriedenheit der katholischen Antragstellerin. Damit war der tüchtigen Geschäftsfrau der Coup ihres Lebens gelungen. Von nun an würde es keiner mehr wagen seine Produkte unter dem Namen der Klosterfrau anzubieten. Trotz wiederholter Versuche der Konkurrenz die Erlaubnis zum Führen des preußischen Königswappens zu torpedieren, blieb es beim königlichen Entschluss. Das Unternehmen MCM (Maria Clementine Martin) nahm einen großen Aufschwung und binnen eines Jahrzehnts kannte man den Melissengeist in ganz Europa. Als Maria Clementine 1843 starb, nahm halb Köln daran teil. Ihre Popularität war überaus groß. Nach ihrem Tod florierte das Geschäft immer weiter. Die rechtliche Situation in Bezug auf den Schutz geistigen Eigentums hingegen fristete noch ein paar Jahrzehnte ein stiefmütterliches Dasein. Erst 1874 wurde ein erstes deutsches Markenschutzgesetz verabschiedet. Das Unternehmen, das die Klosterfrau gründete, existiert noch heute, die „Klosterfrau Healthcare Group„, und gehört zu den größten Produzenten von nicht-apothekenpflichtigen (frei verkäuflichen) Arzneimitteln in Deutschland. Das bekannteste Produkt ist seit der Gründung des Unternehmens 1825 der „Melissengeist“ geblieben, der sich in jeder dritten Hausapotheke in Deutschland findet.

 

Interpretation

Was für einen Menschen der Ruf, ist für eine Unternehmen die Marke. Die ursprüngliche Bedeutung von Marken war die Kennzeichnung von Produkten zwecks Gewissheit über den Hersteller und zur Sicherstellung der Qualität. Heute kommen noch weitere Faktoren hinzu. So bilden sich um Marken teilweise regelrechte Kulte – man drückt damit ein bestimmtes Lebensgefühl und Zugehörigkeit zu einer Gruppe aus. Marken bilden einen „Schutzwall“ um Produkte herum und dienen gerade auch in wirtschaftlich schlechten Zeiten zur Sicherung des Umsatzes. Darüber hinaus rechtfertigen Marken höhere Markpreise als No-Name-Produkte und zwar selbst dann, wenn es von der Produktqualität her keinen wesentlichen Unterschied gibt. Daraus ergeben sich höhere Gewinnmargen, was für Investoren immer schon seinen Reiz hatte.

Man muss unter allen Umständen dafür sorgen, dass man sich von den anderen unterscheidet und dass der Markt, die Kunden, auf einen aufmerksam werden. Dazu braucht es Mut zur Individualität, ansonsten ist Mittelmäßigkeit das Beste, was man zu erwarten hat. Eine weitere Lektion, die Maria Clementine beherrschte, war jene sich Verdienste zu erwerben und davon später zur profitieren. Sie hatte beim preußischen König wohl ein „Stein im Brett“ durch ihre großen Verdienste in der Krankenpflege in der Schlacht bei Waterloo. Freilich war es in ihrem Fall gewiss nicht so, dass sie als Krankenpflegerin arbeitete, um später vom König eine Unterstützung bei ihren Geschäftstätigkeiten zu erlangen – das wäre abwegig, doch wusste sie später geschickt die früheren Leistungen für sich zu nutzen. Bei der „Einforderung“ von Gegenleistungen muss man sehr vorsichtig zu Werke gehen, sich dabei auf Dankbarkeit zu stützen, zahlt sich in den meisten Fällen nicht aus. Einem anderen gegenüber dankbar sein zu müssen, wird in der Regel als Last empfunden; viel besser ist es deshalb auf den Nutzen des anderen zu bauen. Nicht aus Dankbarkeit soll der andere eine Leistung vergüten, sondern, weil er selbst einen Nutzen daraus zieht. In den USA gibt es ein eigenes (informelles) System zwischen Leuten, die sozialen Netzwerken (nicht mit den modernen „sozialen Netzwerken“ wie Facebook, Twitter etc. verwechseln!) angehören. Dieses nennt sich IOU – „I owe you“ („Ich schulde dir etwas“) und bedeutet, dass die Mitglieder solcher Netzwerke durch wechselseitige Hilfe und Unterstützung miteinander verbunden sind. Die Pflicht zur Hilfe ist dabei stärker als bei einem schriftlich fixierten Vertrag. Erstaunlicherweise sind die menschlichen Verpflichtungsbande oft bei auf Treu und Glauben, nur mündlich geschlossenen Abmachungen, viel stärker, als bei schriftlich fixierten Verträgen – wobei die Schriftlichkeit ja gerade aus Sicherheitsgründen vereinbart wird! Jedenfalls darf man grundsätzlich von Menschen keine Dankbarkeit erwarten, denn solche ist das Ergebnis von feinster Bildung des Herzens, etwas, das, wie die wahre Liebe, eine Unwahrscheinlichkeit ist; und trotzdem kann sie gefunden werden, wenn man danach sucht.

Maria Clementine Martin hatte sich für ihr Geschäft den besten Standort ausgesucht, den man zur damaligen Zeit finden konnte. Köln war ein Mekka für Duft- und Heilwässerchen und weit über die Grenzen des Rheinlandes hinaus dafür bekannt. Hier lag der ideale Ansatzpunkt für den geschäftlichen Erfolg, sofern man Eigeninitiative zeigte und die harte Konkurrenz nicht scheute. Durch Sparsamkeit war es der Nonne gelungen ein Kapital anzusammeln, mit dem sie ihr Geschäft aufbauen und mit der Melissengeistproduktion beginnen konnte. Kluge Geschäftsführung und ausgezeichnetes Marketing, wie man heute sagen würde, führten dann zum Erfolg des Unternehmens, das heute noch große Bekanntheit genießt.

 

Lektionen

* Einen guten Ruf zu haben ist für Menschen wichtig im sozialen Leben. Ebenso ist es für ein Unternehmen wichtig eine gute Marke zu haben.

* Unterscheidung und Aufmerksamkeit sind im Wirtschaftsleben essentiell.

* Erwirb dir Verdienste, um später auf die Dienste anderer zurückgreifen zu können.

* Hat man ein gutes Produkt oder eine gute Dienstleistung anzubieten, so muss man den Glauben daran entwickeln, dass man damit auch Erfolg haben wird. Entscheidend ist allerdings, dass man aus Rückschlägen lernt und kreatives Durchhaltevermögen besitzt. Bloßes, sich nicht auf Veränderung stützendes, Durchhaltevermögen, ist nichts anderes als Sturheit.

* Es ist wichtig einen idealen Standort für seine Geschäftsaktivitäten zu finden, einen „Brückenkopf“, um den Markt zu erobern. In unserer Zeit befindet sich dieser Brückenkopf immer öfters in der virtuellen Welt des Internets.

 

Euer O. M.

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