Bismarck„Außen hart, innen weich“, wer kennt nicht dieses Sprichwort und es ist direkt schon eine abgedroschene Phrase, die auch dort ausgepackt wird, wo sie gar nicht zutrifft. Doch, wie wäre es wenn wir den Spieß einmal umdrehten und es mit „außen weich, innen hart“ versuchen würden? Damit näherten wir uns dem Stil der großer Diplomaten und Staatsmänner an, Gestalten, von denen es heute nur mehr wenige gibt. Einer dieser Großen der Geschichte, hat dieses Stil perfektioniert: der preußische Kanzler und spätere Reichskanzler des Deutschen Reiches: Otto von Bismarck.

 

Der eiserne Kanzler

Zugegeben, Bismarck hatte selbst lange mit sich selbst zu kämpfen und seine Zunge zu zügeln rang ihm enorme Kraft ab, denn von Natur aus hatte er ein heißes Geblüt und neigte in seinen jungen Jahren zu allerhand Exzessen, die sich erst mit den Jahren gelegt hatten. Ein Zitat, das ihm selbst später selbst peinlich war, das ihm im Zuge der Debatten im preußischen Reichstag Anfang der 1860er Jahre über die Lippen gekommen war, hängt ihm bis heute nach: „Nicht durch Debatten und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen unserer Zeit entschieden – das war der Fehler von 1848 und 1849 – sondern durch Eisen und Blut!“. Nichtsdestotrotz ist es gerechtfertigt Bismarcks späteren Stil als „mit sanften Worten harte Politik machen“ zu bezeichnen, denn die Entwicklung, die er durchmachte, die unglaubliche Disziplin, die er in allen Bereichen seines Lebens aufbrachte (er litt jahrzehntlang an zwei Dutzend chronischen Krankheiten) nötigen einem Respekt ab, ungeachtet dessen, wie man zu seiner Politik inhaltlich auch stehen mag. Bismarck arbeitete so hart an sich selbst, dass er als Staatsmann immer mehr reifte und etwas vollbrachte, was für beinahe unmöglich gehalten worden war: die Vereinigung der deutschen Königreiche und Länder zu einem großen Reich. Es wird wohl niemand ernsthaft glauben, dass solches mit dem „Dampfhammer“ vollbracht worden wäre. Ganz im Gegenteil: dem Kanzler gelang es sehr geschickt die einzelnen deutschen Fürsten für seine Sache zu gewinnen und einstige Gegner zu Freunde zu verwandeln. Am Ende stand die Fürstenunion, die dann als das (zweite) deutsche Kaiserreich, das wilhelminische Reich, bekannt wurde. Das war vor allem auf Bismarcks Stil der gewinnenden Worte, bei gleichzeitiger „realer“, harter Politik zu verdanken.

 

Eine unglaubliche Wandlungefähigkeit

Bismarck besaß die Fähigkeit sich wie ein Chamäleon seinem Gegenüber anzupassen. Er brachte es dabei zu solcher Meisterschaft, dass er sogar das genaue Gegenteil seiner tatsächlichen Meinung glaubwürdig darstellen konnte. So hatte das Gegenüber stets das Gefühl einen Gleichgesinnten auf seiner Seite zu haben. Für einen Liberalen war Bismarck Liberaler, für einen Konservativen ein Konservativen, für einen Monarchisten ein Monarchist und für einen Demokraten ein Demokrat. In seinem langjährigen diplomatischen Dienst (va. in Paris, St. Petersburg und als preußischer Vertreter beim Deutschen Bund in Frankfurt) für Preußen konnte Bismarck seine diplomatischen Waffen schärfen, wertvolle Erfahrungen sammeln, wichtige Kontakte knüpfen und seine große Vision – ein geeintes Deutschland zu erschaffen – vorbereiten. Als wichtigsten Verbündeten gewann er dabei den Kriegsminister Rohn, der bald einer seiner wichtigsten Vertrauten und Verbündeten im preußischen Kabinett wurde.

 

Was es braucht, um den Bismarck-Stil anzuwenden

Zuerst einmal braucht man ein starkes Gefühl für die Macht im Allgemeinen, über die Macht, über die man selbst verfügt aber auch für jene des Gegners. Der Ausgangspunkt muss dabei stets die Realpolitik sein, das Vermögen die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind, ohne irgendwelche Scheuklappen, ideologischen Vorstellungen oder dergleichen und entsprechende Handlungen zu setzen. Wir brauchen hier also ein ordentliches Maß an Bewusstsein. Weiters muss man seine persönlichen Grenzen kennen und verteidigen aber auch jene des Gegners genau kennen. Was man weiters braucht ist die Fähigkeit der emotionalen Kontrolle. Wer noch von seinen Emotionen geleitet wird, ist untauglich wenn es darum geht erfolgreich seine Interessen durchzusetzen. Diese Kontrolle erwächst aus eisernem Training, indem man sich entsprechenden konfliktreichen Situationen aussetzt, in denen man für gewöhnlich sehr emotional wird und dann seinen Geist diszipliniert, indem man ihn allmählich niederkämpft bis er zu einem treuen Diener geworden ist. Eine Sache darf man hier nicht verwechseln: „Emotionsausbrüche“ können einem bei Verhandlungen durchaus dienen, wichtig ist jedoch, dass sie zur rechten Zeit kommen und unter unserer Kontrolle stehen – genauso, wie ein Schauspieler „echte“ Emotionen zum Ausdruck bringt, wenn er seine Rolle spielt, ohne dabei von diesen bestimmt zu werden.

Letztlich ist auch Fingerspitzengefühl notwendig, vor allem im Umgang mit anderen Menschen. Menschen sind emotionale Wesen, ganz egal wie sehr wir uns auch den Anschein der reinen Vernunftsteuerung geben, in Wirklichkeit sind die Emotionen die Kraft, die uns aktiv werden lässt. Ohne Emotionen wären wir überhaupt nicht in der Lage zu handeln. Selbst sogenannte „kaltblütige“ Menschen sind in Wahrheit hochemotional (sie haben lediglich gelernt ihre Emotionen gut zu kontrollieren und den anderen keinen Ansatzpunkt zu liefern). Man muss die Träume und Alpträume des anderen kennen. Spricht man diese Vorstellungen mit den richtigen Worten an, dann sind die dann folgenden Assoziationen im Kopf des anderen beinahe ein Selbstläufer. Wie oft kann man durch das richtige „Triggerwort“ (Reizwort) bei einem anderen genau die gewünschten Reaktionen auslösten und das, obwohl man selbst kaum etwas gesagt hat?! Der „weiche“ Bismarck-Stil basiert oft gerade nicht darauf, dass man viel redet (lass ruhig den anderen die ganze Zeit über reden), sondern indem man zum richtigen Zeitpunkt genau das Passende sagt – genau das, was den anderen achtlos werden lässt, achtlos, weil er glaubt nichts zu befürchten zu haben (im besten Fall sogar vermeint mit einem „Freund“ oder Gleichgesinnten zu sprechen).

 

Vorteile des „Außen-hart-innen-weich-Stils“

  • Menschen beurteilen einen im Wesentlichen durch die äußere Erscheinung, durch die Art wie wir uns geben. Dies gilt besonders für erstmalige Begegnungen, hält sich zu einem großen Teil jedoch in jeder Beziehung, selbst bei den langjährigen. Lassen wir uns also nicht täuschen, wenn wir glauben andere aufgrund von Taten zu beurteilen. Das ist mit größter Wahrscheinlichkeit nicht der Fall. Ist jemand freundlich, nehmen wir es mit der Achtsamkeit nicht mehr so genau und interpretieren, da wir in der Regel sehr selbstbezogen sind, die Freundlichkeit des anderen als auf unserem Wesen Gründendes und fühlen uns in der Folge gut im Umgang mit diesem besonderen Menschen. Schnell gibt man so auch private Dinge und sogar Informationen preis, während wir gleichzeitig durch das weiche Äußere des anderen dessen tatsächliches Tun nicht mehr besonders beachten oder gar hinterfragen.
  • Worte sind wunderbar geeignet Taten zu verschleiern. In der heutigen Politik ist dies ohnehin der Hauptgebrauch von Worten geworden. Aber auch im privaten Leben können Worte diesen Dienst sehr gut leisten.
  • Wir können eine Sache ablehnen ohne das „böse“ Wort „Nein“ zu gebrauchen, das sehr leicht zu Schwierigkeiten und Reibereien aller Art führen kann.
  • Ein Vorteil dieses Stils liegt auch darin, dass er nicht erwartet wird. Die wenigsten Menschen verhalten sich „weich“ wenn sie eine Sache ablehnen. Weich zu sein wird meist mit Schwäche und Verwundbarkeit verwechselt, in Wahrheit verhält es sich mehr wie mit dem Wasser. Wasser kann sich jeder Form anpassen und findet doch immer seinen Weg und bleibt dabei zudem stets seinem eigenen Wesen treu. Sich anzupassen heißt nicht seine Ambitionen aufzugeben oder seine Werte zu verraten. Oft bedeutete es einfach einen Angriff ins Leere laufen zu lassen, dem Gegner keine Breitseite zu bieten, den Moment der Verwirrung beim anderen auszunutzen (da der Angriff nicht gewirkt hat) und dann blitzschnell den Konterschlag durchzuführen. Der Bismarck-Stil gibt uns einen Startvorteil und beinhaltet einen potenten Überraschungseffekt, denn dieser Stil ist außerhalb von professionellen Kreisen (Diplomaten, Anwälten, Staatsmänner etc.) nur selten anzutreffen. Im Umgang mit gewöhnlichen Menschen ist man damit fast immer im Vorteil.

 

Euer O. M.

 

 

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