18. Jänner 2016Es ist sehr leicht andere und die „Umstände“ für sein eigenes Leben verantwortlich zu machen, vor allem dann, wenn dieses nicht besonders erfolgreich verläuft. Doch früher oder später kommt jeder, der sich einigermaßen mit seinem Leben auf vernünftige Weise befasst, zu der Einsicht, dass es müßig ist das „Beschuldigungs-Spiel“ zu spielen und sich die Sache genauer anzusehen und anstatt sich von weltanschaulichen Ideen oder Wunschträumen berauschen zu lassen, sich die Dinge so ansieht, wie sie wirklich sind. Es hat keinen wirklichen Vorteil sich im Leben als Opfer zu fühlen und eine Aufgabe auf dem Weg zu einem reifen Geist besteht darin zu erkennen, dass es überhaupt keine Opfer gibt, sondern dass es sich dabei um eine Suggestion handelt, die von jenen Menschen verbreitet wird, die Macht über uns erlangen wollen.

Wenn zwei Menschen objektiv gesehen dasselbe erfahren, so ist ihr Erleben dieser Sache doch sehr unterschiedlich und in vielen Fällen glaubt man, wenn man die dementsprechenden Schilderungen gehört hat, überhaupt zwei völlig verschiedene Erlebnisse geschildert bekommen zu haben. Es ist offensichtlich, dass die Qualität des Lebens zweier Menschen sehr unterschiedlich sein kann, und zwar selbst dann, wenn beide objektiv genau dieselbe Lebenserfahrung machen. Daraus folgt, dass der entscheidende Faktor für die Lebensqualität nicht in den äußeren Umständen oder überhaupt in den Fakten zu finden ist, sondern in der Art, wie der individuelle Geist eines Menschen damit umgeht, welchen Sinn er diesen Fakten gibt.

Die Kapazität des Nervensystems

Das menschliche Nervensystem, hat eine Verarbeitungskapazität von etwa 110 Bits/Sekunde. Mehr ist nun einmal nicht drin. Die entscheidende Frage ist nun wofür wir diese Kapazität, die auch als „psychische Energie“ bezeichnet wird, verwenden. Wenn diese 110 Bits ständig auf uns selbst und unsere Gedanken und Gefühle gerichtet sind, dann haben wir keine Energie mehr übrig, um die Welt um uns herum wahrzunehmen. In diesem Fall sind wir im wahrsten Sinne des Wortes „selbstabsorbiert“. Konzentrieren wir uns hingegen auf einen Gegenstand außerhalb von uns, tauchen wir in eine Materie mit Haut und Haaren ein, dann besteht einerseits die Möglichkeit einer sehr tiefen und bewussten Erfahrung und andererseits guter Ergebnisse. Diese volle Konzentration ist eine essentielle Zutat zum Erfolg im Leben. Im besten Falle erleben wir in so einem Zustand sogar das Gefühl des „Flow“ (siehe Prof. Dr. Mahalyi Csikszentmihalyi, er Experte auf diesem Gebiet) – das heißt wir verwenden derart viel Energie auf eine Sache, dass wir keine Energie mehr dafür übrig haben ein „Selbstgefühl“ zu haben, wir vergessen uns also dabei selbst – das ist ein egoloser Zustand, von dem so viele spirituelle Traditionen berichten (am Ende handelt es sich dabei nicht um eine „mystische“ oder „transzendente“ Erfahrung, auch wenn sie dergestalt empfunden wird).

98 Prozent der Arbeit des Gehirns haben mit sich selbst zu tun, nur 2 Prozent beschäftigen sich mit dem, was von „außen“ auf den Menschen trifft. Das Gehirn ist also im Wesentlichen ein Organ, das sich um sich selbst kümmern, ähnlich eines großen Behördenapparats, dessen wesentliche Aufgabe im Austausch mit und der Verwaltung seiner selbst besteht. Einflüsse von außen sind größtenteils „Störungen“ dieses inneren Dialoges.

Oft wird uns heute der Rat gegeben nach „innen“ zu blicken. Dies ist zwar teilweise richtig, aber nicht auf die Art, wie es in der Regel gemeint ist. Die Innenschau macht nur insofern Sinn, als man in erster Linie mit der uns umgebenden Welt auf eine vernünftige Art verbunden bleibt. Generell ist es so, dass die Innenschau für die meisten Menschen kein Problem darstellt, im Wesentlichen sind sie ohnehin mit kaum etwas anderem beschäftigt, als mit sich selbst (das ist übrigens ein guter Trost, wenn man sich zu sehr darum sorgt, was andere wohl von einem denken). Nicht eine vermehrte Innenschau, sondern eine realistische Außenorientierung ist heute das Gebot der Zeit.

Um uns ganz auf eine Sache einlassen zu können und sie damit auch uneingeschränkt zu erfahren, müssen wir unsere psychische Energie umfassend zur Verfügung haben. Das heißt, dass wir unsere grundlegenden Bedürfnisse befriedigt haben, also keinen Mangel an diesen leiden. So bleibt uns die gesamte Energie übrig, um uns einer Sache zu widmen und werden nicht durch unsere menschlichen Grundbedürfnisse oder durch äußere Umstände abgelenkt.

Bei der Innenschau geht es im Wesentlichen darum unsere Vorurteile (seien es nun Gedanken oder Gefühle) zu erkennen und sie jeweils auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen. Unser Gehirn bildet sich automatisch Meinungen zu allen möglichen Dingen im Leben, das ist unvermeidbar. Vermeidbar ist jedoch, ob wir diesen Meinungen nachgeben oder nicht.

Stellen wir uns einen älteren Mitbürger vor, der auf sein Leben zurückblickt uns sich fragt, wie sein Leben verlaufen ist, einer, der dabei ist eine Bilanz seines Lebens zu erstellen. Er wird sich fragen welche Dinge wirklich von Bedeutung gewesen waren, was besser hätte laufen können aber auch wofür er dankbar ist. Unabhängig davon, welche Tatsachen die Eckpfeiler eines Menschenlebens ausmachen, bleibt doch am Ende nur das bestehen, was bewusst erlebt wurde. Es ist müßig eine Diskussion darüber zu führen, was wohl alles ins Unbewusste gewandert ist und nie die Schwelle zum Bewusstsein übersprungen hat. Für den einzelnen ist entscheidend was wirklich ihm „gehört“, jene Dinge, die er sich mit Fug und Recht zurechnen kann. Und dabei kommt man nicht daran vorbei eine Sache bewusst erlebt zu haben. Nur die bewusst gemachten Erfahrungen können in der Bilanz eines Lebens „verbucht“ werden.

 

Die zwei Pfade des menschlichen Geistes

Unser Nervensystem verfügt grundsätzlich über zwei Kanäle, über die eine Reizverarbeitung geschieht. Einerseits haben wir den Bereich, der größtenteils autonom (automatisch) abläuft und uns zu schnellen Handlungen aktivieren möchte. Dieser Bereich unterliegt grundsätzlich nicht unserem Willen. Dazu gehört neben dem vegetativen Nervensystem der gesamte Bereich der Triebe, die es nicht lieben einer bewussten Reflexion unterzogen zu werden, sondern zu sofortigem Tun auffordern. Dieser Bereich ist das „Tierische“ im Menschen, das „Reptil in uns“ wenn man so will. Es kennt nur Sofortbefriedigung und möchte stets aus einem Impuls heraus handeln, ohne je die Folgen zu überdenken (wozu es überhaupt nicht in der Lage ist). Der Vorteil dieses Pfades ist, dass er uns vor Gefahren schützen kann und unser Überleben sichert, durch seine Schnelligkeit ist er dem zweiten Pfad überlegen. In der zivilisierten Welt ist dieses System jedoch selten nützlich und die wesentliche Quelle für „dummes“ Handeln der Menschen.

Der andere Pfad ist unsere bewusste Reflexion über die Dinge, die uns im Leben widerfahren und über die Impulse, die in uns aufsteigen. Diese Impulse kommen aus dem Unbewussten und können durch unser Bewusstsein auf ihre Sinnhaftigkeit hin überprüft werden. Dieser Pfad ist weitaus langsamer als der erste, er braucht auch weitaus mehr Energie. Aktiv zu denken ist weitaus anstrengender, als sich passiv den Dingen zu überlassen. Auch ist unsere Energie beschränkt, so dass wir nicht ununterbrochen im Modus der bewussten Reflexion und des bewussten Handelns und er bewussten Willensbildung verharren können (die Verwendung des freien Willens ist anstrengend und viele Zeitgenossen verhalten sich lieben wie fremdgesteuert, weshalb leicht der Eindruck entstehen kann, der Mensch habe überhaupt keinen freien Willen).

Es ist dieser zweite Pfad, diese zutiefst menschliche Fähigkeit, die uns einmalig unter allen Lebewesen macht – hier liegt unser wahres Menschsein. Das ist der Grund warum wir unser Leben aktiv steuern können, weshalb wir Moral und Ethik besitzen und letztendlich tiefe Erfahrungen machen und unserem Leben eine hohe Qualität verleihen können.

Maßnahmen zur Steigerung der Lebensqualität

  • Erhöhe Deine Achtsamkeit, nimm die Dinge, die um Dich herum geschehen, bewusst wahr. Erhöhe die Außenwahrnehmung.
  • Beobachte deine eigenen Gedanken und Gefühle. Nur weil Du etwas denkst, ist es noch lange nicht wahr. Dein Gehirn erzählt dir eine Menge an Unsinn. Das ist kein Vorwurf, denn das ist bei allen Menschen so. Der Unterschied zwischen den Klugen und den Naiven besteht nicht darin, dass die Klugen keine dummen Gedanken hätten, sondern darin, dass sie diese in sich selbst erkennen und ihnen nicht einfach automatisch nachgeben.
  • Orientiere Dich mehr an den Fakten und nicht Deinen Meinungen. Das erfordert, dass Du zuerst einmal zwischen den beiden Dingen unterscheiden kannst.
  • Lerne es Deine Impulse zu kontrollieren. Das bedeutet, dass der rationale Verstand die Kontrolle übernimmt und wir uns nicht unseren Trieben und automatischen Impulsen ausliefern. Das Instrument dazu ist der präfrontale Cortex (der vorderste und höchst entwickelte Teil unseres Gehirns gleich hinter der Stirn). Er ermöglicht unser Bewusstsein und die aktive Steuerung unseres Lebens, indem er uns befähigt Zukunftsszenarien zu entwerfen und eine Auswahl zwischen diesen zu treffen.
  • Schaffe einen Ausgleich zwischen Neugier und Stabilität. Wir brauchen als Menschen eine gewisse Stabilität in unserem Leben, ansonsten ist das Stressniveau zu hoch und die negativen Folgen für unseren Geist sind dann unvermeidbar. Auf der anderen Seite dürfen wir uns auch nicht einfach zurücklehnen und die Dinge an uns vorbeigehen zu lassen. Zuviel an Neuen Dingen bedeutet Chaos, zu viel an Stabilität bedeutet Stillstand. Es ist das rechte Maß, das wir hier anstreben müssen.
  • Sei Dir bewusst, dass die Qualität des Lebens nur zu einem geringen Teil davon abhängt, was in Deinem Leben geschieht, sondern davon, wie Du diese Umstände interpretierst. Es ist kaum vorstellbar, dass eine bestimmte Situation im Leben nur eine einzige Interpretation zulässt.

Dies ist mein erster Post für 2016 und es ist kein Zufall, dass ich gerade das Thema Bewusstsein gewählt habe, denn einerseits ist das große Jahresthema dieses Blogs der menschliche Geist, mit allem was dazu gehört („Hardware“ und „Software“), andererseits ist gerade die Ausrichtung des Geistes zu dieser Jahreszeit etwas, wofür die meisten Menschen sehr empfänglich sind: das neue Jahr lieg noch frisch, fast könnte man sagen „jungfräulich“ vor einem und man hat das Gefühl eine „neue Chance“ zu bekommen. So sollen wir dieses Jahr auch angehen, im Bewusstsein der Frische und in der Erwartung des Besten, obwohl wir gleichzeitig auf alles vorbereitet sind.

 

Euer O. M.

 

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