23.1.2016Sigmund Freud wusste, dass es im Leben eines Menschen drei große Illusionen gibt, die er überwinden muss:

  1. Ich bin unsterblich
  2. Ich bin unwiderstehlich
  3. Ich bin allmächtig

Tatsächlich ist die Überwindung dieser Illusionen ein Indikator für den Reifegrad eines Menschen. Menschen, die nach Freud reif geworden sind, die so genannten „genitalen Charaktere“, sind dadurch gekennzeichnet, dass diese Fehlüberzeugungen bei ihnen nicht mehr anzutreffen sind. In der Praxis ist es freilich so, dass nur sehr wenige Menschen diese persönliche Reife in ihrem Leben erreichen (unabhängig davon wie alt sie sind) und dass bei fast allen ein gewisses diesbezügliches Mako lebenslang bestehen bleibt.

Das Schlimmste ist, dass es nicht nur die kleinen Lügen des Alltags sind (die ohnehin kaum wirken), sondern die großen Lügen über die wichtigsten Entscheidungen in unserem Leben (die gerade deshalb funktionieren, weil sie so unglaublich groß sind, dass man sie für kaum möglich hält), die wir mit uns herumschleppen. Es ist unser Ego, das die Wahrheit nicht zulassen möchte, jenes innere Hindernis, das uns schützen möchte vor Schmerz und im Ergebnis uns unsere ganze Freiheit raubt. Unser Leben ist oft schmerzhaft, vor allem die Kindheit beinhaltet bei den meisten Menschen viele verdrängte und traumatische Ereignisse, die sich unbehandelt lebenslang auswirken.

Es gibt nun vier grundlegende Wahrheiten, die von den meisten Menschen nicht oder nicht in ihrem vollen Umfang akzeptiert und deshalb abgestritten, verdrängt, rationalisiert, projiziert etc. (die Ego-Abwehrmechanismen) werden. Selbst wenn diese Dinge vom rationalen Standpunkt her meist erkannt werden, sieht es auf seelischer Ebene ganz anders aus. Diese vier Wahrheiten sind nun:

1. Wir haben einen freien Willen und sind für unser Leben verantwortlich

Dank des präfrontalen Cortex im Gehirn hat der Mensch die Fähigkeit Zukunftsszenarien zu entwerfen und zwischen diesen verschiedenen Szenarien auszuwählen. Die Ansicht, dass der Mensch keinen freien Wille habe, wie dies noch vor etwa zehn bis fünfzehn Jahren auch stark von den Neurowissenschaften vertreten wurde, lässt sich aufgrund neuerer Untersuchungen nicht mehr halten. Der wesentliche Punkt hier ist aber nicht die Wissenschaft, sondern deren Instrumentalisierung, um sich selbst der Verantwortung für das Leben zu entziehen. Der freie Wille wird von vielen als Last empfunden und ihn abzustreiten ist ein billiges Mittel diese Last scheinbar loszuwerden.

Wenn der Mensch einen freien Willen hat, dann hat das entscheidende Konsequenzen für unsere Leben. Wir sind dann nämlich umfassend verantwortlich und können uns nicht herausreden aus unseren Fehlleistungen und Misserfolgen. Sie wurden von uns geschaffen und wir hätten sehr wohl anderes handeln können. Das ist sehr schmerzhaft einzusehen, erfordert Aufrichtigkeit und Mut. Aber ohne Mut ist persönliches Wachstum nicht möglich.

 

2. Am Ende ist jeder von uns ganz alleine mit sich selbst

Jeder von uns ist in einem einzigartigen Körper geboren worden und verbringt in diesem sein Leben bis zum Tod. Wir sind diesbezüglich ganz alleine und zwar von der Wiege bis zum Grab. Auch das einzusehen ist sehr schmerzhaft und viele Menschen klammern sich deshalb an andere, an Ideen oder auch an das „Übernatürliche“, um sich in Sicherheit zu wägen und ein Gefühl der Verbundenheit zu erlangen, auch wenn es sich dabei um eine Illusion handelt.

 

3. Das Leben ist an sich sinnlos – nur durch uns selbst kann das Leben mit Sinn erfüllt werden

Sinn ist eine menschliche Kategorie, keine natürliche. Einen Sinn aus der Welt, dem Universum, abzuleiten ist nicht möglich, wir können allerdings einen Sinn in diese Dinge hineinlegen und an diesen Sinn glauben. Es besteht kein Zweifel daran, dass der Mensch einen Sinn für sein seelisches Wohlbefinden braucht. Doch dieser Sinn ist etwas, das wir selbst erschaffen und nicht etwas, das uns die Dinge selbst lehren können, etwas, das in diesen bereits drinnen stecken würde. Das gleiche gilt auch für uns Menschen. Es gibt keinen inhärenten Sinn in uns – wir kreieren jedoch einen solchen, und das ist jedem Menschen sehr zu empfehlen – wir müssen uns aber dieser Erschaffung des Sinns bewusst sein. Inwieweit das „Übernatürliche“ oder „Gott“ an dieser Sinnerschaffung beteiligt ist, ist eine Frage des persönlichen Glaubens. Ein solcher ist durchaus vernünftig, sofern er nicht in infantiler Form den Illusionen Vorschub leistet.

 

4.) Wir sind alle sterblich und deshalb werden wir einmal nicht mehr da sein

Das ist die große Wahrheit, die am Ende am schwersten für uns alle zu schlucken ist. Der Tod macht erst einmal Angst und aus dieser Angst ergeben sich alle anderen Ängste im Leben. Wenn wir also ein angstfreies Leben führen wollen, müssen wir unsere eigene Sterblichkeit annehmen und uns mit dem Tod aussöhnen. Das tun aber viele Menschen nicht, sondern versuchen den Tod zu verdrängen, zu rationalisieren oder unternehmen alle möglichen „Anti-Aging-Praktiken“, um eine Art Tröstung für ihre Psyche zu erlangen. Ja es gibt sogar Zeitgenossen, die uns weismachen wollen wir wären unsterblich, bzw. Unsterblichkeit könne bald durch Wissenschaft und Technik erreicht werden. Geben wir uns nicht diesen Vorstellungen hin. Der Tod ist nichts Schlechtes. Nach Steve Jobs ist der Tod die beste Erfindung von allen, denn sie macht Platz für Neues.

 

Was es zu tun gilt

Das weitaus wichtigstes ist es sich seiner selbst bewusst zu werden, nicht alles zu glauben, was man denkt und was man fühlt. Wir sind nicht unsere Gefühle und wir sind auch nicht unsere Gedanken. Treten wir deshalb einen Schritt zurück und fragen uns, ob das, was wir uns selbst sagen richtig ist oder nicht. Fragen wir uns aber vor allem auch nach unseren Motiven. Wir belügen weder andere, noch uns selbst aus Spaß oder Nachlässigkeit – wir haben stets einen guten Grund dafür. Meist liegt dieser Grund darin Schmerz und Konfrontation zu vermeiden. Es wird oft gesagt Lügen wären eine Art von „sozialem Schmiermittel“, dass zu lügen normal sei und sogar das Funktionieren einer Gesellschaft überhaupt erst ermögliche. Kaum ein Psychologe empfiehlt heute ständig aufrichtig zu sein, nicht einmal gegenüber sich selbst. Doch um was für einen Gesellschaft handelt es sich da, die der Lüge bedarf um zu existieren? Und was für Charaktere sind wir selbst, wenn wir Lügen für unser Selbstgefühl brauchen? Lassen wir uns davon nicht täuschen – die Wahrheit macht am Ende doch frei und zwar immer! Am Beginn steht die Selbstannahme, die Annahme unserer Lügen, die wir uns erzählen, dann müssen wir daran gehen uns zu verändern.

Tatsache ist, dass wir meist aus guten Motiven heraus lügen (aus Liebe und Dazugehörigkeit vor allem), wir sind also meist nicht „böse“, sondern schwach. Wir müssen uns, wenn wir uns ändern wollen, eingestehen, dass wir nicht die psychologische Stärke haben ehrlich zu sein! Das ist der Kern der ganzen Sache und deshalb ist es auch die psychologische Stärke an der wir arbeiten müssen, um ein freies Leben führen zu können.

Seien wir ehrlicher zu uns selbst, nur so verbessern wir auch die Qualität unseres Leben. Sei dir klar darüber, was das, was du denkst und fühlst über dich aussagt und dann frage dich, ob du tatsächlich so sein möchtest. Wenn nicht, und das wird bei den meisten Menschen der Fall sein, dann krieg deinen Hintern hoch und arbeite an dir selbst!

 

Euer O. M.

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