29.1.2016Wenn es um Drogen, Alkohol, Spielsucht und dergleichen geht, dann sind viele Menschen sofort bereit die moralische Keule zu schwingen, sich selbst von den davon Betroffenen zu distanzieren und klarzumachen, dass sie nicht zu dieser Gruppe gehören. Zudem ist zu bemerken, dass viele glauben über den Gegenstand genau Bescheid zu wissen, also über die Kenntnis der genauen Ursachen, samt den adäquaten Behandlungsmöglichkeiten, die selbstverständlichste Sache der Welt wäre, die ohnehin jeder kennen würde. Doch wenn wir die Alltagsweisheiten einmal beiseite lassen und einen genaueren Blick auf die Materie werfen, dann stellt sie sich ganz anders dar:

Wenn es um Sucht geht, dann finden wir eine eigenartige Dichotomie in der Gesellschaft: wir unterscheiden zwischen guten und schlechten Drogen. Die guten sind jene, von denen wir annehmen, dass sie Probleme lösen (wie etwas Medikamente), bei den schlechten glauben wir sie wären die Ursache von Problemen. In Bezug auf die schlechten Drogen kursieren allerhand Horrorgeschichten, die uns vor allem von den Medien ständig drastisch vor Augen geführt werden. Dadurch entsteht aber ein völlig falsches Bild von Sucht und vor allem von Süchtigen. Und machen wir uns nichts vor wenn man von einem „Krieg gegen Drogen“ spricht, dann bedeutet das, dass man Krieg gegen Menschen führt. Niemand führt einen Kampf gegen eine Sache, ein Objekt, sondern immer gegen konkrete Menschen.

Sucht ist in Wahrheit eine Bewältigungsstrategie und keine moralisches Versagen. Alles läuft im Kern auf eine Definition hinaus, die da lautet:

Sucht ist eine Fehlanpassung an die Umstände des Lebens, die im Wesentlichen dadurch entsteht, dass jemand nicht in der Lage ist seine Bedürfnisse auf taugliche Weise zu befriedigen!

Was Sucht allerdings so attraktiv macht ist, dass sie einen Zweck erfüllt, also insofern einen Vorteil mit sich bringt gegenüber der Situation ein Bedürfnis zu ignorieren und damit völlig „unbehandelt“ zu lassen.

Die wichtigste Ursache dafür, warum Menschen Sucht als Kompensationsmittel wählen, ist der Mangel an guten menschlichen Beziehungen in unserer, stark zur Vereinsamung neigenden, modernen Gesellschaft.

Wenn wir uns die Beziehungen der Menschen ansehen, dann sind die sozialen Beziehungen bei vielen, zumindest teilweise, unbefriedigend: schlechte Partnerschaften, keine wahren Freunde, schlechte Beziehungen am Arbeitsplatz, zu den Nachbar, innerhalb er Familie etc. sind sehr häufig anzutreffen. Dazu kommt noch, dass das Internet uns heute eine Parodie von Beziehungen bietet (durch die sozialen Medien), so dass auch noch die Illusion vieler dazukommt, dass sie gute soziale Beziehungen hätten.

Suchtmittel und Suchtverhalten sind Wege, um gegen Schmerz vorzugehen, der im überwiegenden Teil der Fälle seinen Ursprung nicht in einer gegenwärtigen Situation hat, sondern in der Vergangenheit (vornehmlich in der Kindheit).

Will man Sucht beenden, so muss man Süchtigen etwas Besseres, Tauglicheres anbieten, um das zugrunde liegende Bedürfnis zu befriedigen. Im Kern haben Süchtige Angst vor dem Leben und oft auch vor sich selbst. Sucht ermöglicht für kurze Zeit nicht man selbst sein zu müssen und damit die Angst loszuwerden. In gewisser Weise ist Sucht die Selbstverneinung des Geistes durch den Geist selbst – der Geist, der mit sich selbst nicht in Frieden leben kann. Dieser Unfriede zeigt sich oft in einer inneren Leere, gegen die der Süchtige unbedingt vorgehen möchte und dazu nur das Suchtmittel oder Suchtverhalten kennt. Der Ursprung dieser Leere liegt fast immer in der Kindheit und ist dadurch entstanden, dass man etwas nicht bekommen hat, was man gebraucht hätte. Dadurch hat sich der Mensch und damit auch sein Gehirn nicht vollständig zu einem reifen Erwachsenen entwickeln können.

Wir müssen uns einigen Tatsachen stellen, die nicht von der Hand gewiesen werden können.

  • Sucht war immer Teil der menschlichen Kultur und wird es wohl auch immer sein
  • Der Gebrauch von Suchtmitteln erfolgt durch den größten Teil der Konsumenten nicht in missbräuchlicher Weise. Echte Sucht kommt weitaus seltener vor, als uns die allgemeine gesellschaftliche Narrative weismachen möchte
  • Sucht und Suchtmittel sind in erster Linie medizinische Angelegenheiten und gehören nicht in den Bereich von Moral oder der Justiz
  • Über Suchtmittel gibt es viele Mythen und Halbwahrheiten, die in der Bevölkerung grassieren
  • Viele Dinge werden im Alltag als „Sucht“ bezeichnet, die im Grunde eine schlechte Gewohnheit darstellen (wie etwas das Rauchen).
  • Zwanghaftes Verhalten und Sucht sind nicht dasselbe, auch wenn es eine bedeutende Schnittmenge der beiden gibt
  • Die Gesellschaft ist weitgehend so konstruiert, dass süchtige Menschen in ihrer Sucht festgehalten werden und davon gar nicht loskommen können (obwohl das Gegenteil behauptet wird). Das größte Übel dabei ist die Stigmatisierung und die Kriminalisierung. Die Gesellschaft ist ein wesentlicher Faktor warum jemand süchtig wird und kann deshalb ihre Verantwortung dafür nicht leugnen. Gerade der „Kampf gegen Drogen“ ist weitgehend wirkungslos, ja erreicht oft sogar das genaue Gegenteil des Erwünschten (das Negativbeispiel hier sind die USA, die in 40 Jahren des „War on drugs“ eine gigantische Gefängnisindustrie errichtet haben, da Drogendelikte zu den Hauptgründen für Inhaftierungen gehören). Süchte sind auf einem Makrolevel ein Systemfehler der Gesellschaft. Der „moralische“ Kampf gegen Drogen ist ein Placebo und lenkt nur von den wahren Ursachen für Süchte ab
  • Die Ansicht, dass Drogen einen sofort abhängig machen würden, weil bestimmte chemische Stoffe das Gehirn „besetzten“ ist falsch. Es ist niemals eine Droge an sich, die jemanden süchtig macht, sondern immer die Kombination mit einer ganzen Reihe von anderen, vor allem psychosozialen Faktoren, die zur Sucht führen. Das selbe Drogenverhalten führt beim einen zur Sucht beim anderen nicht – die Ursache liegt in diesen Unterschieden und nicht im Ge- oder Missbrauch der Droge selbst
  • Die allermeisten Menschen, die Drogen und Alkohol konsumieren sind nicht süchtig, selbst dann nicht wenn sie regelmäßig und in großen Mengen diese zu sich nehmen. Der häufige Gebraucht ist allenfalls ein Indiz aber kein Beweis für Sucht. Ausschlaggeben für Sucht ist ausschließlich die Abhängigkeit, nicht die Gewohnheit und auch nicht die resultierenden gesundheitlichen Schäden. Diese weisen auf einen Missbrauch hin, aber Missbrauch und Sucht sind zwei verschiedene Dinge.

Der Gebrauch von Suchtmitteln löst in den meisten Fällen Schäden im Nervensystems, vor allem dem Zentralnervensystem (insbesondere dem Gehirn), aus. Suchtverhalten ist auch am Gehirn erkennbar, denn eine Sucht manipuliert das neuronale Belohnungssystem. Darüber hinaus haben Süchtige Probleme mit der Selbststeuerung und oft auch mit der Fähigkeit vorauszuplanen und entsprechende Entscheidungen zu treffen.

Sich von Suchtmittel und Suchtverhalten fernzuhalten ist vom rationalen Standpunkt her zu empfehlen. Wollen wir Süchte erfolgreich reduzieren, dann müssen wir dafür sorgen, dass Menschen ein befriedigendes Leben führen, eines, das auch in klarem Bewusstsein schön und erfüllen ist und es deshalb nicht notwendig ist sein Bewusstsein zu verändern, um glücklich zu sein. Für so ein Leben zu sorgen ist natürlich Teil der Verantwortung jedes einzelnen, aber eben auch der ganzen Gemeinschaft. Und gerade dieser gemeinschaftliche Aspekt wurde in unsren westlichen Gesellschaften seit langer Zeit vernachlässigt. Dass Teile unserer Gesellschaft deshalb süchtig sind, ist ein Preis den wir nun dafür bezahlen müssen.

Das Problem von Sucht und Suchtmitteln besteht aber auch darin, dass sie unfrei machen! Sie behindern in den meisten Fällen die Entwicklung der vollen Persönlichkeit und oft auch die Erhaltung der Gesundheit. Bei Sucht müssen wir uns fragen, was der zugrunde liegende Schmerz ist und diesen behandeln, nur dadurch erlangen wir emotionale Gesundheit und unser Leben zurück und damit unsere Freiheit als menschliches Individuum.

Wir sollten alle darauf achten, dass unsere Bedürfnisse befriedig sind und zwar durch vernünftige und taugliche Mittel. Wenn wir unsere grundlegenden Bedürfnisse nicht befriedigt haben, ist es müßig daran zu denken, dass wir rational handelnde Wesen sein sollten. Vernünftig können wir erst dann handeln, wenn unser „inneres Tier“ (die grundlegenden Bedürfnisse wie Nahrung, Sicherheit, soziales Gemeinschaft, Respekt etc.) befriedigt sind. Erst dann können wir uns überhaupt um Dinge wie Freiheit, Macht (im positiven Sinne) und Selbstentfaltung kümmern. Und das ist es worum es im Kern auf diesem Blog geht – deshalb habe ich heute einmal einen „ungewöhnlicheren“ Beitrag eingeschoben.

 

Euer O. M.

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