Sun TzuVor etwa 2400 Jahren schrieb der chinesische Philosoph Sun Tzu sein berühmtes Werk über den Krieg („Die Kunst des Krieges“). Das Büchlein umfasst zwar nur 13 kurze Kapitel, die es jedoch in sich haben. Die knappe, prägnante Sprache, teilweise handelt es sich um Aphorismen, schildert auf wenigen Seiten alles, was ein Herrscher oder General wissen muss, um sowohl in der Politik, als auch auf dem Schlachtfeld erfolgreich zu sein. Sun Tzus Ziel war es den Herrschern seiner Zeit einen Leitfaden an die Hand zu geben, um als Führungskraft kluge Entscheidungen treffen zu können.

Sehen wir uns die Weltgeschichte an, so sind die großen Katastrophen wie Kriege, gesellschaftliche und wirtschaftliche Zusammenbrüche und dergleichen gerade deshalb aufgetreten, weil solche Lehren, wie Sun Tzu sie dargelegt hat, nicht beachtet wurden. Es ist die Dummheit und Eitelkeit (oft treten die beiden ohnehin gemeinsam auf), die im Wesentlichen das menschliche Leid seit jeher ausgemacht haben. Wir haben nun im 21. Jahrhundert einen Punkt in unserer Entwicklung erreicht, an dem wir uns diesen „Luxus“ nicht mehr leisten können, wollen wir nicht die Existenz der ganzen Menschheit aufs Spiel setzen. Die Fähigkeit Konflikte zu lösen, sowohl im interpersönlichen Bereiche, als auch zwischen Unternehmen, Organisationen und Staaten, ist heute notwendig, um das Überleben der Menschheit zu sichern.

Die Bezeichnung „Krieg“ kann man in einem viel weiteren Sinne verstehen, als nur im militärischen. Hier möchte ich diesen Begriff ausdehnen auf den gesamten Bereich menschlicher Konflikte. Der allergrößte Teil der Probleme des Menschen ist sozialer Natur. Das Soziale ist das Medium in dem der Mensch lebt, deshalb ist die Ausbildung der sozialen Fertigkeiten das entscheidende Mittel für Erfolg, Glück und ein harmonisches Leben schlechthin.

Konflikte sind ein ganz normaler Bestandteil des menschlichen Zusammenlebens, Konflikte zu vermeiden bedeutet meist auch das Leben selbst (zumindest in seiner Fülle) zu vermeiden. Es ist dies eine Gefahr, die vor allem besonders harmonierbedürftige Menschen betrifft. Aber auch für sie gibt es Möglichkeiten sich Konflikten zu stellen und diese erfolgreich zu lösen. Was es dazu braucht ist die Entwicklung einer entsprechenden Geisteshaltung, nämlich jener die in der Erkenntnis fußt, dass langfristig das Vermeiden von Konflikten die wahre Ursache für ein disharmonisches und unerfülltes Leben ist. Ganz ohne Zynismus müssen wir erkennen, dass die alte Weisheit, dass das oberste Ziel von Krieg der Frieden ist, der Wahrheit entspricht, so schwer uns das auch fallen mag, weil wir einer gewissen kulturellen Narrative unterliegen, die uns solches nicht erkennen lassen möchte.

Nach Sun Tzu gibt es nun vier Arten der Kriegsführung, die jedoch von unterschiedlicher Qualität sind und einer Reihenfolge unterliegen. In absteigender Reihenfolge sind dies, beginnend mit der besten (Sun Tzu nennt sie die „edelste“ Art der Kriegsführung):

  1. Zu verhindern, dass es überhaupt zum Krieg kommt, seine Ziele ohne einen Kampf durchzusetzen, zu siegen ohne zu kämpfen.
  2. Bündnisse des Gegner zu verhindern, seine Vereinigungen zu verhindern
  3. Eine offene Feldschlacht zu führen
  4. Die Städte des Gegner zu belagern

Zu siegen ohne zu kämpfen

Die Kunst des kampflosen Kampfes hat in Asien seit jeher den höchsten Stellenwert in der Kriegskunst und in der Lösung von Konflikten. Der weise Herrscher regiert vorausschauend und „sanft“ lenkend, so dass seine Herrschaft von den Untertanen kaum bemerkt wird. Schwierigkeiten werden erkannt und von langer Hand gelöst. Meist sind am Beginn von Problemen nur geringe Maßnahmen, die wenig kosten und keine drastischen Maßnahmen erfordern, nötig. Je länger ein Konflikt sich jedoch hinzieht, desto umfangreicher und teurer wird er. Wachsamkeit und ruhiges überlegtes Denken in Verbindung mit guter Menschenkenntnis, der Fähigkeit sich in andere hineinzuversetzen und die Betrachtung einer Situation vom höchstmöglichen Standpunkt aus zu betrachten („sub specie aeternitatis“ nach Baruch Spinoza), sind die Schlüsselelemente dazu. Nicht Kampf, sondern Kooperation ist hier oft das Entscheidende. So wäre es das Beste einen Gegner für sich zu gewinnen und ihn zum Freund zu machen. Abraham Lincoln war ein Meister dieser Strategie – viele seiner einstigen Gegner wurden im Laufe der Zeit zu seinen besten Freunden.

 

Die Vereinigung der Kräfte des Gegners verhindern

Kriegsführung und Konflikte spielen sich in Wahrheit nur zu einem geringen Teil auf der materiellen Ebene ab: Wer hat wie viele Truppen, welches Kriegsmaterial und dergleichen zur Verfügung? ist selten das Entscheidende. Wie schon Napoleon sagte verhält sich die Moral zur Mannesstärke wie drei zu eins. Es geht hier vor allem darum dafür zu sorgen, dass der Gegner in seinem Inneren nicht die volle Kampfesstärke entwickeln kann, um uns gefährlich zu werden, dass seine negativen Gefühle ihm selbst und nicht uns schaden. Es geht hier unter anderem darum „emotionale Bomben“ zu entschärfen und dafür zu sorgen, dass sich die Negativität nicht noch mehr aufschaukelt, sich mit Gleichgesinnten verbündet, und am Ende zu viel „Blutvergießen“ führt.

 

Eine offene Schlacht schlagen

Hier haben die beiden ersten Arten der Kriegsführung versagt. Man kann Blutvergießen niemals als eine gelungene Art von Konfliktlösung betrachten. Nichtsdestotrotz kann es sein, dass eine andere Art nicht mehr möglich ist und ein Kampf offen ausgefochten werden muss. Gegen besonders brutale, rachsüchtige und hasserfüllte Feinde ist manchmal kein anderes Mittel mehr möglich. Trotzdem liegt das meist daran, dass man solche Gegner in der Vergangenheit nicht erkannt und „entschärft“ hat. So war es etwa für die Alliierten nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939 nicht mehr möglich zu einem anderen Mittel zu greifen, als einen offenen Krieg gegen Hitler zu führen. Hätten die Führer der freien Welt damals Sun Tzu berücksichtigt, hätte es nicht so weit kommen müssen. Leider haben wir Menschen im Westen einen Hang zu diesem Typ der Konfliktlösung. Im 21. Jahrhundert jedoch ist dies kaum mehr ein zu empfehlendes Mittel. Wir müssen uns für die Idee öffnen, dass es nicht um Sieg oder Niederlage geht, dass es darum geht ob sich das eine oder das andere Interesse durchsetzt, sondern dass auch die Möglichkeit der Kooperation und damit der Erfüllung aller Interessen, besteht. Anstatt „entweder oder“ sollten wir lernen in Kategorien von „sowohl als auch“ denken zu lernen.

 

Die Städte des Gegners belagern

Diese Art der Konfliktlösung ist denkbar schlecht. Den Gegner zu belagern heißt einen Konflikt in die Länge zu ziehen und die Kosten in die Höhe zu treiben. Oft hat dies nichts mehr mit Vernunft zu tun, sondern beruht lediglich auf dem Ego der beteiligten Streitparteien (das bekannte „es geht ums Prinzip!“). In aller Regel ist der Preis einer solchen Auseinandersetzung viel zu hoch und der Gewinn, sollte man ihn überhaupt noch erreichen, zu gering. In solchen Fällen ist ein Rückzug meist das probate Mittel. Rückzug ist keine Schwäche, er ist sogar ein sehr geeignetes Mittel der Konfliktlösung, solange er nicht bedeutet, dass man sein Interesse verrät. Das eine muss aber nichts mit dem anderen zu tun haben.

 

Die Fähigkeit Konflikte zu lösen gehört zu den wichtigsten Dinge, die Menschen lernen müssen. Es ist ein Megathema, das auf alle Lehrpläne aller Schulen, schon von der Grundschule an, gehört. Dabei handelt es sich nicht um „Soft-Skills“, wie manchmal vertreten wird, sondern zweifelsohne um „Hard-Skills“. Viel wichtiger als etwa die Infinitesimalrechnung zu beherrschen oder die Formel für die Photosynthese auswendig zu kennen, ist es mit seinen Mitmenschen in Frieden leben zu können, ohne dabei sich selbst noch die anderen zu verraten. Wir müssen dabei auf die „höheren“ Bereiche unseres Gehirns (rationales Denken, Empathie) zurückgreifen und das „Tier“ in uns in Schach halten, das nur Kampf, Flucht oder Erstarrung kennt. Wenn es uns gelingt, dass unsere Vernunft, unsere Liebe zu den Mitmenschen und unsere Kreativität sich durchsetzen, dann haben wir berechtigte Hoffnung auf eine gute Zukunft, die für immer mehr Menschen eine lebenswerte Existenz bietet. Dann verwirklichen wir unser wahres Menschsein, etwas, das uns in der bisherigen Menschheitsgeschichte noch nicht gelungen ist.

 

Euer O. M.

 

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