10.2.2016Jede Kriegsführung beruht auf Täuschung und der wahre Gegner ist immer der Geist des Feindes. Deshalb haben Fakten nur bedingt Bedeutung; wesentlich ist der Glaube, einerseits darüber wie wir selbst eine Situation einschätzen, andererseits wie dies unser Gegner tun. Niemand besitzt alles Wissen und jeder Konflikt beinhaltet Unvorhersehbares, ganz egal wie gut man sich auch vorbereitet haben mag. Deshalb ist ein flexibler Geist notwendig, der auf aktuelle Gegebenheiten schnell regieren kann und sei es auch, dass man alle Pläne über Bord wirft und sich nur noch auf den Moment einlässt, sollte dies notwendig sein (Napoleon etwa war ein großartiger Planer, aber sein wahres Genie bestand darin alle Planung zu vergessen und das zu tun, was die Situation am Schlachtfeld gerade erforderte).

Einen offenen Kampf gegen jemanden zu führen, der viel stärker ist als man selbst und der sich seiner Stärke auch voll bewusst ist, ist Selbstmord. Nur Verrückte würden dies tun. Deshalb muss man zu anderen Mittel greifen, wenn man sich einem solchen Gegner gegenübersieht. Zudem muss man, wenn man selbst der Stärkere ist, sich davor hüten übermütig und arrogant zu werden, denn gerade dadurch kann man sich selbst das eigene Grab schaufeln, egal wie stark man ist. In so einem Fall müssen wir uns in die Lage des Gegner genauso hineinversetzen, wie wenn wir die Schwächeren wären, und berücksichtigen welche Möglichkeiten sich dem anderen bieten, mit denen er uns immer noch schlagen könnte. Viele Konflikte in der Menschheitsgeschichte wurden außerordentlich blutig und endeten im Desaster, weil einer glaubte leichtes Spiel mit einem anderen zu haben, der entweder tatsächlich oder vermeintlich schwächer war.

Eine entscheidende Bedeutung kommt hier der Aufklärung zu. Wie Sun Tzu sagt: „Wenn du den Feind und dich selbst kennst, brauchst du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten.“ Um dieses Wissen jedoch zu erlangen brauchen, wir einerseits Informationen, andererseits einen trainierten Geist, um diese Informationen auch richtig einschätzen zu können. Dann müssen wir auch an der Täuschung arbeiten bzw. daran jene des Gegners zu erkennen und unschädlich zu machen. Der Schlüssel zur Täuschung besteht in der Interpretation von Fakten. Man sieht nämlich, dass kein Faktum an sich täuschen kann – diese kommt erst dadurch zustande, was im Kopf des anderen geschieht. Das besonders Gemeine an einer Täuschung besteht nämlich im Wesentlichen darin, dass nicht der andere uns täuscht (wie es der Sprachgebrauch nahe legt), sondern wir uns immer selbst täuschen. Täuschung ist eine Selbstschädigung unter Einfluss eines anderen.

Die Aufklärung ist auch in Bezug auf die eigene Geisteshaltung wichtig. Der japanische Samurai Miyamoto Musashi empfiehlt in seinem berühmt gewordenen Werk „Das Buch der fünf Ringe“, dass sich kleine und schwache Gegner wie große und starke Gegner verhalten sollten und vice versa: Einerseits um den Gegner zu täuschen, andererseits aber auch, um uns selbst in den Gegner hineinzuversetzen. Anders als viele glauben braucht das Austragen von Konflikten (und auch von Krieg) ein hohes Maß an Intelligenz – es handelt sich hier keineswegs um primitives Schlägertum oder Barbarei, um Relikte aus einer grauen Vorzeit des Menschen. Wir mögen vielleicht nicht offen gegen einen anderen kämpfen, doch die Geisteshaltung darf auch dann nicht jene eines Verlierers werden. Denn wenn wir eine solche haben, dann werden wir über kurz oder lang auch verlieren, selbst wenn wir gerade einen Konflikte erfolgreich lösen können.

 

Mögliche Reaktionen, wenn man nicht gewinnen kann

Flucht und Vermeidung

Eine Konfrontation völlig zu vermeiden ist oft ein schlechter Rat, denn ob dies funktioniert, hängt nicht alleine von uns ab. Einen Konflikt kann man nämlich nicht vermeiden, wenn der Gegner durchaus entschlossen ist ihn auszutragen. Flucht gelingt meist nur dann, wenn wir für den Gegner ohnehin kein lohnendes Ziel abgeben, wenn wir also über nichts verfügen, was ihm viel bedeutet. Der Wert von Flucht kann darin bestehen sich vorerst einem Konflikt zu entziehen, den man im Augenblick nicht austragen kann. Man gewinnt dadurch Zeit, um später für den Kampf besser gerüstet zu sein.

 

Scheinziele bieten

Es geht hier darum den stärkeren Gegner zu verwirren, so dass er nicht weiß, was er angreifen soll bzw. dass er ein Ziel angreift, das verlockend erscheint, es aber in Wirklichkeit nicht ist. So verbraucht der Gegner einerseits Kraft, andererseits wird er dadurch auch gedemütigt und mitunter auch frustriert.

 

Die Dynamik kontrollieren

Dass jemand stark ist bedeutet noch lange nicht, dass er auch die Dynamik der Ereignisse kontrolliert. Die meisten asiatischen Kampfsportarten konzentrieren sich darauf die Kraft des Gegners zu kontrollieren, nicht so sehr ihm mit Kraft zu begegnen. Entscheidend ist die Steuerung der Energie, nicht unbedingt, dass man selbst besonders viel davon hat.

 

Bündnisse schließen

Hier sehen wir das Phänomen der sozialen Organisation. Es ist ein zutiefst menschliches Verhalten bei Bedrohung sich mit Unseresgleichen zusammenzuschließen und gegen einen äußeren Feind vorzugehen. Wichtig dabei ist eine gemeinsame Interessenlage. Andere werden sich unserem Kampf nur dann anschließen, wenn auch sie etwas davon haben – etwa weil auch sie bedroht sind oder weil es für sie eine „Belohnung“ gibt, die reizvoll genug ist. Kaum einer wird uns gegen einen anderen unterstützen, wenn ihn die Sache im Grunde nichts angeht. Konflikte sind immer mit Risiken verbunden und die allermeisten kümmern sich um ihre eigenen Angelegenheiten, nicht um jene der anderen. Dies ist sogar oft unter Freunden und in der Familie so.

 

Scheinunterwerfung

Hier geht es darum, dass die Kraft des Gegners gegen ihn selbst gewendet wird, indem seine Übermacht nicht uns, sondern ihm selbst zum Schaden gereicht. Hier können wir uns dem anderen scheinbar unterwerfen, so dass er das Gefühl hat gesiegt zu haben und uns gegenüber seine Wachsamkeit zurücknimmt. Gerade ein Gegner mit einem großen Ego ist oft sehr anfällig für einen solchen „Sieg“. Auf der anderen Seite werden wir unser eigenes Ego zügeln müssen, um zu so einer Strategie in der Lage zu sein. Andererseits befinden wir uns dann oft sogar „im Lager“ unseres Gegners und können so von innen heraus daran arbeiten unsere Interessen zu befördern. Ein Sonderfall stellt hier der so genannte „Pyrrhussieg“ dar, bei dem der Gegner zwar gewinnt, dabei sich aber derart verausgabt, dass der Sieg de facto einer Niederlage gleichkommt.

 

Arbeit an sich selbst

Erkennen wir, dass wir zu schwach für eine Konfrontation sind, dann können wir uns auch dazu entschließen uns zu stärken, unsere Ressourcen und unseren Geist zu optimieren, um in Zukunft besser auf einen Gegner vorbereitet zu sein. Möglichweise können wir eine andere Strategie (und sei es auch Flucht) anwenden, um Zeit zu gewinnen. Diese Zeit müssen wir dann aber auch nutzen und nicht uns zurücklehnen und hoffen, dass der Konflikt uns nicht treffen wird.

Das zentrale Problem bei der Auseinandersetzung mit anderen ist die Angst. Angst ist eine ganz normale menschliche Empfindung, die meisten spüren sie sehr oft bzw. sind sogar von einem permanenten unterschwelligen Gefühl der Angst durchdrungen. Gerade die Menschen des Westens fürchten sich vor allem Möglichen, sei es nun realistisch oder nicht (und in den meisten Fällen sind unsere „Gefahren“ gar nicht real oder übertrieben). Wir werden alle mit Angst geboren, als kleine Kinder fürchten wir uns vor allen möglichen Dingen und suchen Schutz bei anderen. Es gehört jedoch zu den Aufgaben eines jeden Mannes (und oft auch von Frauen) diese Ängste zu überwinden und so zur Reife zu gelangen.

Angst macht den Menschen zu Sklaven, sie nimmt uns die Freiheit und wir werden dadurch willfährige Werkzeuge in der Hand eines anderen, der weiß wie man mit Angst Menschen steuert. Unsere gesellschaftlichen Führer wissen das ganz genau. Es ist wichtig zu erkennen, dass die Angst keine Notwendigkeit ist, das sie aber vor allem eine Art „freiwilliger Knechtschaft“ darstellt, Ketten die wir aus eigenem Willen tragen und nicht solche, die uns unweigerlich von anderen angelegt werden. Das ist überhaupt das Paradoxon unserer Zeit: Die Unfreiheit der Menschen ist selbstverschuldet, durch ihre intellektuellen, mehr noch jedoch durch ihre charakterliche Unreife. Lautet das Motto der Aufklärung nach Kant: „Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ um dadurch aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu entkommen, so müssten wir heute hinzufügen: „Zuerst musst du deinen Charakter entwickeln und Kontrolle über deine Emotionen erlangen, sonst hast du nicht den Mut, um dich deines eigenen Verstandes bedienen und dann auch danach zu handeln!

Viel Angst kommt daher, dass Menschen Gefahren nicht gewohnt sind. Menschen, die mit Gefahren ständig konfrontiert sind, empfinden weitaus weniger Angst als jene, die in behüteten Verhältnissen leben und deshalb auch weniger tauglich für die Härten des Lebens sind. So gesehen ist es sogar ein großer Vorteil in schlechten Verhältnissen groß geworden zu sein: anders als viele andere hat man meist das Kämpfen gelernt und macht sich über die Realität keine großen Illusionen.

 

Überlegungen zu Ausnahmen von der Grundregel

Manchmal kann ein Gegner übermächtig und der Kampf trotzdem geboten sein. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn zu kämpfen einem einen langfristigen Vorteil verschafft, auch wenn man im Augenblick verliert. Hierher gehört etwas die Strategie, die darin besteht zwar Schlachten zu verlieren am Ende jedoch den Krieg zu gewinnen (die Amerikaner haben im Unabhängigkeitskrieg danach gehandelt). Ein anderer Grund kann auch darin bestehen, dass man dadurch, dass man kämpft den Ruf erwirbt sich zu wehren. Das ist etwa das schwächere Kind auf dem Schulhof, das gegen einen Schläger kämpft auch wenn es weiß, dass es verlieren wird. Alleine durch die Kampfbereitschaft signalisiert es, dass es eine gewisse Stärke hat und dass der Gegner es nicht unbedingt leicht mit ihm haben wird. Oft wählen solche Schläger dann leichtere Opfer aus. Auf internationaler Ebene kann man sich dadurch Respekt verschaffen, dass man sich gegen einen anderen stärkeren Staat wehrt und dadurch längerfristig bessere Karten auf der Weltbühne hat. So haben sich etwas die Niederländer im Zweiten Weltkrieg gegen die Besatzung durch die übermächtigen Deutschen gewehrt und waren dadurch nach Kriegsende in einer viel besseren Position als etwas die Österreicher, die sich völlig kampflos ergaben (und dazu noch ein Großteil der Bevölkerung diesen „Anschluss“ wollte, so dass von vorne herein nur eine schwache Gegnerschaft gegeben war).

Grundsätzlich ist es also meist besser nicht zu kämpfen, wenn man nicht gewinnen kann. Damit ist nicht verbunden, dass man seine Interessen aufgibt. Wichtig ist, dass man Möglichkeiten sucht seinem eigenen Willen auf andere Art, als durch den (offenen) Kampf, zum Durchbruch zu verhelfen. Dazu gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten, so dass auch der Schwächere sich nicht davor zu fürchten braucht „unter die Räder“ zu kommen.

 

Euer O. M.

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