6843970-young-man-in-a-brown-jacket-and-white-trousersKinder tun es oft und laut, Erwachsene hingegen kaum und wenn sie dabei erwischt werden, ist es ihnen peinlich. Die Rede ist von Selbstgesprächen. Was bei Kindern als völlig normal angesehen oder zumindest toleriert wird, wird beim erwachsenen Menschen zum scheinbaren Problem. Wer vor anderen mit sich selbst spricht oder auch nur stumm die Lippen bewegt, erntet meist entsprechende Blicke, Kopfschütteln oder einen abwertenden Kommentar. Kein Wunder also, dass man versucht Selbstgespräche, zumindest laut gesprochene, zu vermeiden.

Manche Zeitgenossen sprechen zwar in der Öffentlichkeit nicht laut mit sich selbst, sondern verwenden eine Vorstufe dazu, etwas, das die anderen dann als ein Gebrummel oder Gemurmel wahrnehmen. Dies ist vor allem bei älteren Menschen zu beachten, meist bei solchen, die alleine leben und oft sehr einsam sind. Doch die Vorstellung, dass es sich dabei um „schrullige“ Leute handelt, ist in den meisten Fällen nicht gerechtfertigt. Mit sich selbst zu sprechen fördert die Kommunikationsfähigkeit, die Reflexionsfähigkeit und vor allem auch die Fähigkeit Probleme zu lösen.

Die meisten Menschen haben allerdings eine innere Direktive, die ihnen sagt, dass mit sich selbst zu sprechen oder „Stimmen“ zu hören „verrückt“ sei, ein Kennzeichen, dass irgendetwas im Oberstübchen nicht mehr stimmen würde. Doch diese Befürchtung ist unbegründet: Beim „Stimmenhören“ geht es nicht um den eigenen Dialog, unabhängig davon, ob dieser nun laut oder leise vonstatten geht, sondern darum, dass jemand Stimmen hörte, die er nicht als die eigenen wahrnimmt, die nicht integriert sind. Und das Selbstgespräch, von dem ich hier spreche hat damit nichts zu tun.

 

Die Normalität von Selbstgesprächen

Der Mensch spricht ununterbrochen mit sich selbst, allerdings im Stillen und oft fällt ihm das selbst nicht auf. Ein Lebewesen, das sich seiner selbst bewusst ist, kann überhaupt nicht anders als Gespräche mit sich selbst führen, zu sich selbst in den Dialog zu treten und sich eine Meinung zu bilden, nicht nur über die umgebende Welt, sondern vor allem auch über sich selbst. Dieses Selbstbild ist ein hohes Gut für uns, denn ihm fühlen wir uns verpflichtet und ein Großteil unserer Aktivitäten und auch des inneren Dialoges dient dieser Vorstellung von uns selbst.

 

Der Wert von Selbstgesprächen

Sich des Selbstgespräches zu bedienen macht vor allem dort Sinn, wo eine Aufgabe nicht so einfach zu erledigen ist, wo ein Problem von höherer Komplexität besteht. Man gewinnt dadurch einen gewissen Abstand und wird sich seines eigenen Denkens bewusst und kann dadurch auch leichter Denkfehler erkennen und ausbessern. Auch helfen sie uns dabei Prioritäten zu setzen und zu erkennen, wo wir uns im Kreis drehen, bzw. wo Kleinigkeiten uns gefangen halten.

Das Selbstgespräch ist auch ein wunderbarer Weg um persönliche Probleme zu lösen. Nicht umsonst bauen viele Therapien auf einen verbalen Ansatz (z.B. CBT). Es ist längst bekannt, wie stark unser Selbstwertgefühl und auch unser Erfolg im Leben davon abhängen, wie wir mit uns selbst sprechen, wie sich unser inneres Gespräch gestaltet.

Einige große Wissenschaftler und Denken waren und sind dafür bekannt, dass sie mit sich selbst laut sprechen oder ganze Konferenzen im Geiste abhalten, die einem anderen sehr seltsam erscheinen müssen. So gehörte es etwa zu den Gepflogenheiten der Philosophen Immanuel Kant und Arthur Schopenhauer ganz offen auf der Straße mit sich selbst ins laute Selbstgespräch versunken zu sein. Auch Goethe soll zuweilen, zumindest in seinen eigenen vier Wänden, laut gedacht haben, wenn er alleine war. Von Goethe ist auch die Methode überliefert sich mehrere Personen im Geiste vorzustellen (oft waren er berühmte Personen aus der Geschichte) und mit ihnen ein Problem zu besprechen. „Wie hätte etwa ein Machiavelli auf eine konkrete Machtfrage geantwortet? Wie würden Gandhi oder der Dalai Lama antworten, wenn es ein soziales oder spirituelles Problem zu lösen ist?“ Das könnten Fragen sein, die wir uns heute stellen könnten.

Wissenschaftler haben herausgefunden, dass zur Lösung von Problemen sich ganz besonders Fremdsprachen eignen, da man dabei in der Regel weniger emotional involviert ist, wie bei der Muttersprache. Dies kann neben einem besseren Problemlösungsansatz auch ein Amüsement sein, das man auf jeden Fall einmal ausprobieren sollte.

Wenn Ihr also ein Problem zu lösen habt, versucht es einmal mit der Methode laut mit Euch selbst zu sprechen und zu konferieren. Ihr könnt Euch dazu eine ganze Reihe von „Helfern“ im Geiste vorstellen, die Euch entsprechende Ratschläge erteilen. Wenn es Euch gelingt die innere Überzeugung abzulegen, dass diese Vorgehensweise „verrückt“ sei, dann öffnen sich Euch dazu ganz neue Möglichkeiten.

 

Euer O. M.

 

Photo: 123rf.com – Royalty Free Stock Photos

 

 

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