15391569-a-business-handshakeDie Wissenschaft ist sich in einer Sache einige: der erste Eindruck wirkt auf die Beurteilung anderer Menschen am stärksten; ebenso ist sie sich einig, dass die Dauer, die dieser erste Eindruck in Anspruch nimmt sehr kurz ist; die Zahl von 30 Sekunden schwirrt in den Köpfen er meisten herum und es ist dies auch die Zahl, die vor allem populärwissenschaftlich am meisten propagiert wird. Neuere Forschungen des MIT (Massachusetts Institute of Technology) und der Harvard Universität weisen sogar darauf hin, dass es sich dabei lediglich um zwei Sekunden (!) handeln würde. Wie auch immer, klar ist dass unser Urteil über andere sehr schnell gefällt wird, sehr stark in seinen Auswirkungen ist und sich nicht so leicht ändern lässt.

Einen anderen sehr schnell einschätzen zu können war in vergangenen Zeiten sehr wichtig. Wir mussten blitzschnell unterscheiden, ob wir es mit einem Freund oder einem Feind zu tun hatten; dazu konnten wir uns nicht auf eine langwierige Analyse verlassen, sondern brauchten eine Methode, die augenblicklich wirkte. Und dabei galt, dass es besser war einen netten Menschen als gefährlich einzustufen, als einen gefährlichen als nett, der uns dann möglicherweise geschadet hätte. Es ist deshalb auch kein Wunder, dass wir ein natürliches Vorurteil haben, dass darin besteht Negatives viel intensiver wahrzunehmen, als das Positive. In Urzeiten hing davon unser Überleben ab, doch in der heutigen modernen und sicheren Welt sind solche Dinge in aller Regel nicht nur überholt, sondern sogar schädlich für uns: nicht nur dass sie unsere Lebensqualität beeinträchtigen, sondern sie behindern auch unseren Erfolg. Es ist deshalb höchst an der Zeit, dass wir uns mit dem ersten Eindruck, den andere bei uns hinterlassen, näher befassen und kritisch-rational damit umzugehen lernen.

 

Welche Kriterien bewirken den ersten Eindruck?

Um es kurz und bündig zu sagen: Welchen Eindruck wir von anderen haben, hängt vom Gesichtsausdruck eines anderen ab, den wir wahrnehmen, während wir ihn treffen. Die Körpersprache an sich ist wichtig, doch sind es die Gesichtsmuskeln, die den ersten Eindruck bestimmen, alle anderen Körperteile kommen später und haben diesbezüglich nur nachrangige Bedeutung. Beim Gesicht wiederum gibt es zwei Partien, die unseren Eindruck bestimmen: die Augen- und die Mundpartie. Die Augen sind der direkte Blick in die Seele eines Menschen, heißt es, und an der Mundpartie können wir die Position des anderen uns gegenüber ablesen. Gehen beide Mundwinkel nach oben heißt das Gutes, wird nur ein Mundwinkel nach oben verzogen heißt das meist Verachtung uns gegenüber und so weiter. Ich will hier nicht in die Details gehen, da es genug Material zum Studium der Körpersprache gibt und wer sich genauer damit befassen möchte sei auf diese verwiesen. Worum es geht ist sich einiger fundamentaler Dinge bewusst zu werden.

Deshalb lautet der Merksatz des heutigen Posts auch:

Wie uns jemand bei der ersten Begegnung anblickt und wie sich die Mundpartie dabei verhält, bestimmt unseren ersten Eindruck und damit das Urteil, das wir über andere fällten! Doch das muss noch lange nichts mit der Wahrheit zu tun haben.

 

Der erste Eindruck ist lediglich eine instinktive Reaktion, eine vernünftige Beurteilung hat dabei noch nicht stattgefunden und wie die Lebenserfahrung zeigt, ist damit noch lange kein wahres Urteil über einen Menschen gesprochen. In der Praxis bleiben die meisten zwar bei diesem ersten Eindruck und bemühen sich nicht um die genauere Kenntnis eines anderen. Doch, sollte dies uns als bewusst denkende Menschen auch genügen? Oder sollten wir einen anderen Weg einschlagen?

Was sollen wir nun mit dem ersten Eindruck tun, den wir von einem anderen Individuum gewinnen? Will ich Euch nun dazu auffordern den ersten Eindruck zu „killen“? Keineswegs, es geht nicht darum diesen Eindruck auszulöschen (was ohnehin nicht möglich ist), sondern auf Distanz zu ihm zu gehen. Als ersten müssen wir uns bewusst werden, was wir gerade über jemanden denken und empfinden und dann müssen wir diese Dinge hinterfragen.

Wir Menschen sind seltsame Wesen: unser Leben wird von unseren Gedanken bestimmt und wir erkennen dennoch nicht, dass wir selbst nicht diese Gedanken sind. Nur weil wir etwas denken, heißt das noch lange nicht, dass es auch wahr ist und es sagt vor allem nichts über uns selbst aus! Dasselbe gilt übrigens auch für unsere Gefühle.

Wir müssen uns fragen wie ernst wir es mit der Wahrheit nehmen und mehr noch müssen wir erkennen, dass ein Urteil keine Tatsache ist. Was wir über andere denken, wie wir zu ihnen stehen und welche Gefühle wir ihnen gegenüber haben, sind keine Fakten, sondern Meinungen, meist willkürliche Assoziationen vermischt mit unseren Lebenserfahrungen, Dogmen, Glaubenssätzen, Überzeugungen und allen möglichen Dinge, aus denen wir eine Geschichte über einen anderen bilden. Wir müssen erkennen, dass unsere Meinung über einen anderen unser eigenes Konstrukt ist und nicht die Wirklichkeit.

Es ist gut sich einige Fragen über andere Menschen zu stellen, vor allem dann, wenn wir mit ihnen auch in Zukunft zusammentreffen werden und es nicht bei einem einzigen Treffen bleibt. Was sind die Fakten? Welche Dinge habe ich wirklich wahrgenommen und was ist die Geschichte, die ich mir daraus gebildet habe?

 

Was wir über andere glauben sind Meinungen, keine Fakten

Es gibt keine guten Menschen, es gibt keine bösen Menschen, es gibt keine angenehmen Menschen und keine schwierige Menschen, es ist immer (ohne jede Ausnahme) unser eigenes Denken, dass einen Mensch für uns auf die eine oder eine andere Art erscheinen lässt. Wenn wir genauer darüber nachdenken sehen wir, dass ein Mensch, den wir nicht mögen von anderen hingegen sehr wohl gemocht wird: seine Familie oder seine Freunde zum Beispiel lieben ihn sehr wohl. Dieser Mensch kann also gar nicht an sich gut oder böse sein, da ja andere ihn gar nicht so sehen, wie wir. In Abwandlung eines Zitats aus einer berühmten Rede des Buddha (Prinz Gautama Siddharta Shakyamuni) könnte man hier auch sagen: „Ihr könnt diesen Menschen ruhig als böse bezeichnen und als böse ansehen, nachdem er ja niemals hätte böse gewesen sein können.“ Das ist kein durchtriebener Sophismus, sondern einfach eine Feststellung dessen, was sich tatsächlich abspielt, wenn wir einem Menschen ein Etikett aufdrücken und ihn so behandeln, als ob unser Urteil über ihn eine Tatsache wäre.

 

Wenn wir erkennen, dass das Bild, das wir von anderen Menschen haben unsere eigene Schöpfung ist und dass es in vielen Fällen durch den ersten Eindruck entstanden ist, ohne dass sich in der Folge noch etwas geändert hätte, dann sind wir in der Lage eben diesen Eindruck nicht mehr so ernst zu nehmen und schon gar nicht ihn als abschließendes Urteil zu betrachten. Das Leben ist nicht statisch sondern dynamisch und auch das Wesen eines Menschen bleibt nicht immer dasselbe – es kann sich potentiell in jede Richtung entwickeln. Es gibt ja niemanden, der kein Potenzial und keine Zukunft hätte. Ist uns das klar geworden, dann können wir der natürlichen Tendenz des Beharrens auf einer Meinung über jemanden entgegenwirken und offen bleiben für Veränderungen, worin immer diese auch bestehen mögen. Und das ist es, was einen wahrhaft weisen, offenen und toleranten Geist ausmacht.

 

Euer O. M.

Photo: 123rf.com – Royalty Free Stock Photos

 

 

 

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