22. März 2016Wir alle kennen das Goethewort, das besagt, dass es sich bei Worten um nichts Anderes handle als um „Schall und Rauch“ (was freilich recht amüsant ist aus dem Mund eines Mannes zu hören dessen ganzes Leben sich um Worte drehte!). Doch der alte Dichter hatte damit völlig Recht! Was jedoch dabei unterschlagen wird ist die Tatsache, dass Worte nur für denjenigen keine wirklichen Dinge sind, die ihren Geist davon gelöst haben und die Illusion und Symbolhaftigkeit von Worten verstanden haben – und das sind nur die allerwenigsten Zeitgenossen. Für die allermeisten Menschen auf der Welt gilt, dass Worte die gleiche, oder sogar größere, Bedeutung haben, als Handlungen und die Fakten in der Welt.

 

Warum Worte keine eigentlichen Realität haben

Worte sind Symbole, sie weisen auf etwas hin, doch sie sind selbst keine Dinge, nichts was sich als Realität wahrnehmen ließe. Worte entstehen in unserem Geist und können auch nur von einem Geist an einen anderen Geist weitergegeben werden. Dazu braucht es einen komplizierten Sende- und Empfangsmechanismus, der Linguisten staunen lässt, dass er überhaupt funktioniert. Von diesem Standpunkt aus gesehen ist es sehr unwahrscheinlich, dass Menschen überhaupt über Worte kommunizieren können – und doch funktioniert es, wenn auch, zugegeben, nur mehr schlecht als recht. Und genau hier beginn die Schwierigkeit:

Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Welt, jeder hat seine eigenen Erfahrungen, die für andere grundsätzlich unzugänglich sind. Wir mögen zwar die gleichen Worte verwenden, doch die Bilder in unserem Kopf dabei sind völlig verschieden. Dazu kommt noch, dass Worte niemals nur aus dem gegenwärtigen Moment heraus verstanden werden können, sondern stets Gefühle und Gedanken in uns ansprechen, die ihren Ursprung in unserer Lebensgeschichte haben – und diese ist wiederum einmalig.

 

Wie löst man sich von der Wirkung von Worten?

Der erste Schritt besteht im Bewusstsein der Illusion, die Worte erzeugen und selbst sind. Wenn wir etwas sagen oder etwas hören, dann haben wir dabei immer Gedanken und Gefühle. Doch wir sind nicht diese Gedanken und wir sind auch nicht diese Gefühle. Wir müssen erkennen, dass wir die Erfahrung von Gefühlen und Gedanken machen, diese allerdings nicht selbst sind! Wenn wir uns nicht mehr mit ihnen identifizieren, können wir sie beobachten ohne sie zu bewerten, ohne daraus Urteile über uns oder andere abzuleiten. Die Loslösung von Gedanken und Gefühlen geschieht dadurch, dass wir sie uns einfach nur ansehen und indem wir sie benennen. Durch das Benennen von Gefühle und Gedanken („Ich fühle Ärger“, „Ich denke dieser Kerl ist ein Dummkopf“ und dergleichen) haben wir bereits Abstand gewonnen und brauchen uns von ihnen nicht mehr bestimmen zu lassen.

Der zweite Schritt besteht darin zu sehen, welche Wirkung Worte in unserem Leben haben. Worte sind nur eine potenzielle Macht. Sie funktioniert nur, wenn wir es zulassen. Es soll nicht bestritten werden, dass sie unsere Gefühle beeinflussen, denn jedem Gefühl geht ein entsprechender Gedanken voran. Um was es also geht, ist nicht die Worte einzustellen, was ja niemals möglich wäre, sondern sich nicht von ihnen bestimmen zu lassen, sie bewusst zu erkennen und ihnen nur zu folgen, wenn sie unseren Zielen und unserem Leben dienen. Wenn ich erkenne, dass ich gerade Gedanken habe, die mir im Leben nicht weiterhelfen, brauche ich sie auch nicht zu glauben und kann sie dahin ziehen lassen, wie jemand der die Wolken am Himmel beobachtet.

Was andere sagen, hat an sich überhaupt keine Wirkung auf uns, außer wir lassen es zu. Warum aber lassen die meisten Menschen es zu, dass die Worte anderer sie treffen? Warum ärgern sich Menschen darüber, wenn andere etwas Unangenehmes sagen? Warum ist uns wichtig was andere über uns denken? Weil wir glauben, dass unser Schicksal davon abhinge! Wir glauben, dass die schlechte Meinung, die andere von uns haben uns von der Gemeinschaft ausschlösse, dass wir dadurch in Zukunft viele Nachteile erleiden würden. Sehen wir uns die Menschheitsgeschichte an, dann macht das durchaus Sinn. Wenn wir in einem kleinen Stamm von vielleicht 100 Leuten zusammenleben und 10 Leute davon dich nicht mögen, dann töten sie dich möglicherweise eines Tages bei der Jagd. Heute jedoch, in unserer modernen, globalisierten Welt, in der wir mit Milliarden Menschen zusammenleben, ist dieses Denken völlig unsinnig. Wir sind keine Stammesmitglieder mehr und es ist unmöglich von allen gehasst zu werden. Ganz egal wie unorthodox unsere Meinung oder unser Lebensstil auch sein mag, es gibt immer Leute, die uns unterstützen werden, es gibt immer Leute, die uns für gut halten – Ausgeschlossenheit von der Gruppe ist heutzutage die wahre Illusion! Wenn uns eine Gruppe nicht mag, suchen wir uns einfach eine andere, die unsere Werte und unsere Weltsicht teilt. Intellektuell wissen wir das alle, aber unsere Emotionen haben es meist noch nicht begriffen.

Wenn du also in einer sozialen Umgebung lebst, die dein wahres Wesen nicht mag, das deine Werte, deinen Lebensstil nicht gutheißt, dann trenne dich von ihm und suche dir ein anderes, eines, das dir mehr entspricht. Es ist mit Sicherheit ein solches vorhanden.

Wir wurden alle in Abhängigkeit hineingeboren, das ist die Lebenserfahrung aller Menschen als Kind. Wir waren abhängig von unseren Eltern und konnten nicht anders, als ihnen zu gefallen – unsere Leben hing davon ab. Wenn wir jedoch älter werden, brauchen wir uns nicht mehr so zu verhalten als ob wir von ganz bestimmten Menschen abhängig wären. Wir müssen uns von diesem Glauben befreien. Als soziale Wesen brauchen wir andere und wir brauchen Liebe genauso, wie die Luft zum atmen, aber diese müssen wir nicht von einer bestimmten Gruppe von Menschen bekommen (und uns damit dazu bringen sie entweder zu beherrschen oder uns ihnen unterzuordnen), sondern können frei unter einer fast unendlichen Auswahl von Mitmenschen wählen. Begrenzen wir nicht künstlich unsere soziale Reichweite, lassen wir es zu, dass diese Reichweite von der Realität und nicht von unseren Vorstellungen bestimmt wird.

 

Was bedeutet es einen gezähmten Geist zu haben?

Ganz einfach: ein gezähmter Geist ist einer, der uns dient, der Gedanken und Gefühle hervorbringt, die uns weiterbringen und uns helfen unsere Ziele zu erreichen. Alle anderen Gefühle schaden uns und sollten von uns nicht geglaubt werden. Wir können auch bei einem gezähmten Geist nicht verhindern, dass wir noch Gefühle und Gedanken haben (das Unbewusste, die Quelle dieser Gedanken, kann nicht direkt beeinflusst werden), die schlecht für uns sind, aber wir haben gelernt ihnen nicht zu glauben und sie deshalb auch nicht weiter zu verfolgen. Gedanken kommen und gehen und solange wir ihnen keine Aufmerksamkeit schenken, verschwinden sie sich so schnell wie sie aufgetaucht sind. Verfolgen wir sie jedoch bewusst, was daher kommt, dass wir sie für wahr halten (sprich glauben), dann tauchen neue Gedanken aus dieser Richtung auf.

 

Wie zähmt man seinen Geist?

Es gibt eine ganze Reihe an mentalen Techniken, die einem dabei helfen Herr über seine Gedanken und Gefühle zu werden: Meditation, Achtsamkeitsübung, Yoga und viele, viele andere. Allen gemeinsam ist jedoch eine Erweiterung des Bewusstseins über den Rahmen des Gewöhnlichen hinaus. Solange der Mensch sich so verhält, wie er es durch seine Erziehung und seine Kultur gelernt hat (keine Kultur mag weise Menschen, denn sie können nicht ausgebeutet und manipuliert werden), wird er so sein, wie der gewöhnliche Mensch seiner Zivilisation. Seinen Geist zu zähmen heißt jedoch darüber hinauszugehen – es hat viel mit dem zu tun, was Nietzsche als den „Übermenschen“ bezeichnete, jedoch ohne den damit in der Regel verbundenen Chauvinismus. Ganz erwachsen zu werden, im psychologischen und spirituellen Sinne, hat immer auch damit zu tun, sich von der Kultur zu trennen und doch die Verbindung mit der Menschheit nicht aufzugeben.

 

Einen gezähmten Geist zu haben ist durchaus möglich, auch wenn es eine relative Seltenheit ist – und zwar in jeder Kultur auf der Welt und zu jeder Zeit in der Geschichte. Nichtsdestotrotz ist es etwas, das die Weisen aller Zeiten und aller Länder erreicht haben. Etwas, das uns allen offen steht und das zu erreichen überreich belohnt wird. Nicht nur dass man damit dauerhaft glücklich und zufrieden werden kann, sondern man erreicht auch einen Frieden im Leben, nach dem sich die meisten Menschen sehen und doch nur die wenigsten von uns je erreichen.

 

Euer O. M.

 

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