10800362-young-beautiful-woman-frightened-by-the-shadowEine wesentliche Voraussetzung für persönliche Freiheit und Erfolg im Leben ist Selbsterkenntnis. So einsichtig sich das auch anhören mag, die meisten Menschen sind wahre Meister darin sich vor sich selbst zu verstecken, zumindest werden jene Aspekte vor dem eigenen Bewusstsein versteckt, die einem unangenehm sind. Wir tun deshalb gut daran uns jenen Dingen in uns zu stellen, die in der Psychologie als „Schatten“ bezeichnet werden.

 

Was ist der „Schatten“?

Nach Carl Jung ist der Schatten, neben der Anima und dem Animus, der wichtigste Archetyp eines jeden Menschen. Es handelt sich dabei um einen nicht bewussten Aspekt des eigenen Wesens, der dem Ego folglich unbekannt ist. Wenn der Mensch geboren wird, dann lebt er grundsätzlich alle seine Impulse aus, er kennt noch keine Urteile und kann deshalb auch nicht zwischen „gut“ und „böse“, „erwünscht“ und „unerwünscht“ unterscheiden. Dies ändert sich jedoch rasch durch Erziehung und Sozialisation. Jede Kultur, jede Gesellschaft und jede Familie kennt Triebe, Gefühle, Ansichten und Gedanken, die erlaubt und solche die nicht erlaubt sind. Die menschliche Natur freilich kennt keine derartige Unterscheidung, doch nachdem wir als Kinder abhängig sind und die Sanktion der Eltern, Lehrer etc. fürchten, passen wir uns an und verdrängen die unerwünschten Dinge ins Unbewusste. Das Ego identifiziert sich mit dem Erwünschten und weiß nichts mehr vom Unerwünschten. Der Schatten entsteht durch die Kooperation von objektiver, äußerer Welt und dem Ego.

Was passiert nun in der Folge mit diesen unerwünschten Eigenschaften des Menschen? Sie üben einen inneren Druck aus und dringen immer wieder im Leben in Form von Handlungen, innerem „Überwältigtsein“, Worten und Situationen durch, meist in solchen die eine hohe Emotionalität beinhalten und bei denen der innere Zensor seine Funktion nicht mehr vollständig ausüben kann. Gute Beispiele dafür sind Wutausbrüche, Rauschzustände („Im Wein liege die Wahrheit“ sagt ein alter Lateinerspruch), aber auch in Glücksmomenten oder immer dann, wenn in unsere Leben eine Situation eintritt, die Assoziationen mit einem erlittenen Trauma auslöst oder wenn eine Begebenheit einem „inneren Bild“ entspricht (in der Regel handelt es sich dabei um Archetypen).

 

Der Schatten wird meist projiziert

Nachdem der Schatten unbewusst ist, ist er uns nicht direkt zugänglich. Wir erfahren etwas über ihn, indem wir unsere Träume und Visionen analysieren und indem wir unsere tatsächlichen Handlungen im Leben ansehen, so wie sie sind, ohne Urteil, und damit unserer eigenen Wahrheit auf die Spur kommen. Was nun den Schatten anbelangt, so tritt er im Traum symbolhaft, als Mensch (in der Regel des eigenen Geschlechts und etwa gleich alt wie der Träumende) oder auch als Tier auf. Im täglichen Leben sehen wir unseren Schatten in anderen Menschen, auf die er projiziert wird. Oft bedarf es nur eines einzigen Hinweises in einem anderen (einer vermeintlichen Charaktereigenschaft, Aussehen etc.) und wir glauben bereits genau zu wissen, mit wem wir es zu tun haben. In solchen Fällen ist unsere Projektion aktiv, denn es ist vom rationalen Standpunkt her völlig unmöglich, dass wir aufgrund minimaler Informationen bereits ein Gesamtbild einer Person haben können. Unsere „dunkle“ Seite sehen wir in den meisten Fällen in anderen Menschen und im Grunde lehnen wir nicht die anderen ab, sondern die entsprechenden Aspekte in uns selbst (von denen wir freilich nichts wissen).

Ein Beispiel für einen Schatten ist etwa in einer gut ausgebildet „moderne“, emanzipierte Frau zu erkennen, die feststellt, dass sie gerne ein Leben als Hausfrau und Mutter führen würde, aber sich diesen Wunsch nicht eingesteht, da ihr die Gesellschaft und ihre Erziehung klar gemacht haben, dass von ihr erwartet wird eine „harte Geschäftsfrau“ zu sein, auf „eigenen Beinen“ zu stehen und dass eine moderne Frau es als unwürdig empfände ein „Hausmütterchen“ zu sein.

Ein „Gutmensch“, einer, der sich für andere einsetzt, ja mitunter sogar aufopfert, hat in aller Regel auch gegenteilige Impulse in sich. Er mag durchaus auch Verachtung und Abscheu gegen die Menschen empfinden, denen er hilft, er mag die hilfsbedürftigen Menschen als undankbar, schmutzig, egoistisch und bösartig auffassen, doch all diese Gedanken sind mit seinem Selbstbild des „guten Menschen“ nicht übereinstimmen und werden deshalb verdrängt. Umso mehr werden anderen Menschen bekämpft, die sich gegen die Hilfe für Arme, Behinderte, benachteilige Menschen einsetzten. Das ist ein Phänomen, das recht häufig beobachtet werden kann. Aber die mangelnde Selbsterkenntnis des „Gutmenschen“ lässt solche Erkenntnisse nicht zu. Jemand, der sich für eine multikulturelle Gesellschaft ohne Grenzen einsetzt, mag in seinem Innersten eine heimliche Bewunderung für nationalistische und rechtsgerichtete Politiker hegen (unter anderen wäre Hitler ohne die Schatten von Millionen Menschen, die diese auf ihn projiziert hatten, niemals an die Macht gekommen. Die Ansicht, dass der Faschismus in unserer Zeit sich gerade als Antifaschismus ausgibt, entbehrt deshalb auch nicht einer berechtigten Grundlage).

Wichtig ist darauf hinzuweisen, dass es sich beim Schatten bei Weitem nicht nur um negative Eigenschaften handelt, die verdrängt werden, sondern ebenso um positive, solche, die von der Gesellschaft und anderen Menschen als „gut“ bezeichnet werden. Entscheidend ist die Verdrängung, die dadurch zustanden kommt, dass die Person selbst etwas nicht sehen will, was Teil von ihr ist. So mag etwa ein „harter Kerl“ durchaus eine weiche, sanfte und mitfühlende Seite aufweisen, die jedoch nicht in sein Image von sich selbst passt und deshalb verdrängt werden muss. Auch Menschen mit einem niedrigen Selbstwertgefühl haben oft viele gute und starke Seiten ins Unbewusste verdrängt. In Wirklichkeit kann ein „schwacher Mensch“ über ungeahnte Kräfte verfügen, von denen er selbst nichts weiß, da sie seinem Selbstimage nicht entsprechen. Die Bewunderung, die solche Menschen oft starken und dominanten Menschen entgegenbringen, ist dann meist eine Projektion der eigenen inneren Stärke auf einen anderen. Die „Stars“, und überhaupt die bewunderten Personen in der Öffentlichkeit, sind zu einem Großteil Projektionsflächen für die Schatten von Millionen von Menschen. Unbewusste Hoffnungen, Träume und Sehnsüchte werden sehr leicht auf solche herausragenden Individuen projiziert, aber auch Bösartigkeit, Hass und Sadismus – das sind dann die großen Tyrannen und „Schurken“ der Geschichte.

 

Warum sollte man sich dem Schatten stellen?

Ohne, dass wir uns dem Unbewussten in uns stellen, ist die Entfaltung unseres wahren Wesens (nicht der Persona!) stets unvollständig und oft verkrüppelt. Eine weitgehende Individuation (nach Jung), die Entfaltung des eigenen Wesens, unabhängig von Erziehung und Kultur, ist ohne Schattenarbeit nicht möglich. Wie immer im Bereich der Psychologie gilt auch hier, dass ein Wachstum (und auch eine Heilung) immer mit einer Expansion des Bewusstseins einhergeht.

Der Schatten ist ein nicht integrierter Teil der Persönlichkeit und wird uns deshalb so lange Schwierigkeiten bereiten, bis diese Integration erfolgt. Die Gefahr besteht in Wirklichkeit nicht darin, dass der Schatten bewusst wird und vom Ego akzeptiert wird als Teil der Persönlichkeit, sondern gerade darin, dass er verdrängt bleibt. Gerade das, was man nicht sehen will, hat einen mächtigen Einfluss auf unsere Leben. Deshalb ist es notwendig, wenn man als Mensch „ganz“ sein will, sich dem Schatten zu stellen. Der Schatten repräsentiert viele Möglichkeiten, die wir bisher im Leben nicht genutzt haben, die uns unbekannt sind. Für das Ego ist das erschreckend, nichtsdestotrotz beinhaltet der Schatten viele „Schätze“ und für viele von uns befinden sich gerade dort unsere besten Eigenschaften überhaupt.

Die Konfrontation mit dem Schatten führt in den meisten Fällen zu einer Krise. Das Alte ist nicht mehr aufrecht zu erhalten, wir erkennen, dass wir nicht diejenigen sind, für die wir uns lange Zeit, oder sogar unser ganzes Leben lang, gehalten haben. Anfangs kann dies zu einer bestimmten Sprachlosigkeit und vor allem zur Entscheidungslosigkeit führen. Wir haben unsere alte Orientierung im Leben verloren (die eine gesellschaftliche Konditionierung war) und sind nun dabei uns neu auszurichten. Dieser Zustand wir als schmerzlich empfunden, ebenso wie der Verlust des alten Sinns. Wenn wir uns unserem Schatten stellen, ist damit zwangsläufig auch die Änderung des Lebenssinns und unserer Werte verbunden.

Die Integration des Schattens ist ein wichtiger Schritt im Prozess unserer Individuation, ohne den es nicht möglich ist sich ganz der Anima oder dem Animus (der gegengeschlechtliche Teil in unserer Seele) bewusst zu werden und sich diesen Aspekten zu stellen.

Der Schatten ist aber auch der Sitz unserer Kreativität (nach Jung). Viele große Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller haben unter dem Einfluss ihres Schatten große Werke erschaffen, wahrscheinlich sind sogar die größten Werke der Menschheit allesamt durch den Einfluss des Schattens entstanden.

Freunde, Familienmitglieder und überhaupt Menschen, die mit uns irgendwie auf einer „Welle“ sind, sind in der Regel schlechte Ratgeber, wenn es darum geht unsere Schatten herauszufinden. Unsere Gegner hingegen nehmen sich meist kein Blatt vor dem Mund. Gerade beim Herausfinden unseres Schattens können unsere Gegner uns sehr hilfreich sein, wenn wir ihre Worte nicht von vorne herein verwerfen und uns auf die angenehmen Aussagen der Menschen verlassen, die uns nahe stehen.

Wenn der Schatten dem Ego bewusst wird, kann das ein sehr erschreckendes Erlebnis sein. Es besteht sogar die Möglichkeit, dass der Schatten die Kontrolle über das Ego erlangt. Es ist deshalb wichtig, dass das Ego den Schatten integriert und nicht umgekehrt. Die Autonomie muss immer auf Seiten des Egos und nicht des Schattens liegen. Wenn Ego und Schatten eine Einheit bilden, haben wir einen großen Schritt in Richtung Entfaltung unserer wahren Selbst und persönlicher Entwicklung, und damit auch der Freiheit, gemacht.

 

Einige Fragen zum eigenen Schatten

Um mit dem eigenen Schatten vertraut zu werden, empfiehlt es sich, sich mit einigen Fragen eindringlich zu beschäftigen.

  • Gibt es Situation in meinem Leben, in denen ich von mir selbst überrascht bin über Verhaltensweisen, die ich mir selbst nicht zuschreibe?
  • Bin ich manchmal verwirrt oder nicht fähig eine Entscheidung zu treffen? Oft werden wir in solchen Situationen von unserem Schatten heimgesucht.
  • Wie sieht es mit meinen Träumen aus? Habe ich bestimmte, immer wieder kehrende Träume oder bestimmt Traumsymbole, die sich häufig wiederholen?
  • Welche Menschen lehne ich ab oder kann ich nicht ausstehen? Habe ich selbst schon Dinge getan, die dem Wesen dieser Menschen entsprechen? Erkenne ich irgendwo in meinem Verhalten ähnlich Züge?
  • Welches Bild habe ich von mir selbst? Was für ein Mensch bin ich? Tue ich hin und wieder Dinge, die mit diesem Bild nicht übereinstimmen? Wenn ja, wie gehe ich damit um.
  • Was sagen Menschen, die mich nicht mögen über mich? Steckt vielleicht ein Körnchen Wahrheit in ihren Aussagen?
  • Gibt es Eigenschaften bei anderen, die ich heimlich bewundere, etwas, das ich nie offen eingestehen würde?
  • Welche Dinge, Personen und Verhaltensweisen erregen meinen Unmut? Was kann ich nicht ausstehen und wogegen kämpfe ich in meinem Leben? Hier finden sich oft Hinweise auf unsere Schatten.
  • Auf welche Menschen richte ich meine Aufmerksamkeit? Welche Eigenschaften an ihnen bewundere ich? Welche verabscheue ich?

Für ein tiefer gehendes Studium des Schattens sei besonders auf die Werke von Carl Gustav Jung und auf jene seiner Schüler verwiesen.

Euer O. M.

 

Photo: 123rf.com – Royalty Free Stock Photos

 

 

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