18963361-young-woman-expressing-vulnerability-in-the-middle-of-nowhereIst Verwundbarkeit vereinbar mit einem starken Charakter? Kann ein maskuliner Mann auch nur eine Spur von Verwundbarkeit aufweisen? Und wie sieht es mit der Frau von heute aus? Ist Verwundbarkeit akzeptabel, bzw. sogar eine erwünschte Eigenschaft? Natürlich, auf jeden Fall, daran gibt es überhaupt keine Zweifel! Das verwundert freilich auf den ersten Blick, will uns unsere Gesellschaft doch ständig einreden uns auf keinen Fall verletzlich zu machen. Doch wenn man sich die Sache einmal genauer ansieht, wird sehr bald klar, dass verwundbar zu sein zu den besten Dingen gehört, die man im Leben überhaupt haben kann.

 

Was ist Verwundbarkeit?

Verwundbar zu sein heißt ein emotionales Risiko einzugehen, es heißt die Möglichkeit von psychischem Schmerz zuzulassen. Der Hauptgrund warum es so schwer ist sich der Verwundbarkeit zu stellen ist ein großes Missverständnis, das in Bezug auf ihre Natur besteht. Es wird nämlich Verwundbarkeit mit Schwäche verwechselt, ein fataler Irrtum, der in der Gesellschaft viel Leid verursacht. Deshalb lautet der wichtigste Merksatz des heutigen Posts:

Verwundbarkeit ist keine Schwäche!

Ganz im Gegenteil, verwundbar zu sein erfordert ein hohes Maß an Mut und Offenheit. Ein Mensch, der sich seiner Verwundbarkeit stellt, besitzt ganz im Gegenteil zum „Common sense“ (der in der Regel ein common nonsense ist) sehr viel Stärke.

 

Warum besteht solche Angst vor Verwundbarkeit?

Schwach zu sein ist etwas, das in unsere Zeit niemand möchte, Männer noch weniger als Frauen. Wer sich schwach fühlt, empfindet deshalb in aller Regel auch Scham und diese wiederum muss vor der Welt versteckt werden. Um diese Scham zu schützen besteht bei den meisten der Wunsch nach Unverwundbarkeit. Anders als Schuld, die sich auf eine falsche Handlung bezieht, geht es bei der Scham ums Eingemachte, nämlich um uns selbst, zumindest um das, was wir glauben zu sein. Wenn wir schuldig sind, dann haben wir etwas Falsches oder Schädliches getan, wenn wir uns aber schämen, dann glauben wir, wir selbst seien nicht in Ordnung, mit unserem Sein stimme etwas nicht und das ist seelisch weitaus schwerer zu ertragen, als die Schuld. Das Ego kann überhaupt nur existieren, wenn es sich mit mehr Gutem als Schlechtem identifiziert – zu viel Scham kann tatsächlich zur Vernichtung des Ichs führen.

Die oben erwähnte falsche Gleichsetzung von Verwundbarkeit mit Schwäche ist ein Grund für die Angst, die vor der eigenen Verwundbarkeit besteht. Damit einher geht auch die Befürchtung seinen sozialen Status und den Respekt der anderen einzubüßen.

Besonders aber fürchten sich Menschen davor ihr eigenes Ego zu verändern, die Vorstellung von sich selbst zu modifizieren. Das Ego ist ein Schutzmechanismus der Seele und seine Einschränkung oder Veränderung ist per se schon eine Maßnahme, um die Verwundbarkeit zu erhöhen. Es ist eben dieses Ego, das alles daran setzt, uns nicht der Wirklichkeit und damit der eigenen Verwundbarkeit zu stellen, dazu bedient es sich der aus der Psychologie bekannten Abwehrmechanismen (Verdrängung, Rationalisierung, Reaktionsbildung etc.).

Verwundbarkeit führt bei den meisten zu unangenehmen Erinnerungen an die eigene Kindheit, in der man sich schwach und hilflos fühlte, in der man der Willkür der Erwachsenen ausgeliefert war und sich oft ohnmächtig fühlte. So gut wie kein Mensch hat eine völlig unproblematische Kindheit erlebt und die berechtigte Wut auf die eigenen Eltern und deren Misshandlungen (und irgendeine Form von Misshandlung kommt in beinahe allen Familien vor – Freud wusste schon, dass Neurosen durch frühkindlichen Missbrauch entstehen, schreckte dann aber selbst vor den fatalen Konsequenzen dieser Erkenntnis zurück und gab seine „Verführungstheorie“ deshalb auf) sind zwar gut verdrängt, können aber durch das Eingeständnis der eigenen Verwundbarkeit erneut „erweckt“ werden. Es ist verständlich, dass sie kaum jemand dieser Sache stellen möchte. In die Therapie kommen Menschen ja in der Regel auch mit dem Wunsch nach einem „besseren Leben“ aber nicht deshalb weil sie die Wahrheit über sich erfahren wollen.

 

Welchen Nutzen hat Verwundbarkeit?

Erst Verwundbarkeit ermöglicht es uns die Wahrheit über uns selbst zu erkennen; solange wir „gepanzert“ sind, also eine undurchdringliche Rüstung um uns herum aufgebaut haben, können anderen nicht erkennen wer wir sind, schlimmer jedoch ist, dass wir uns selbst ebenso nicht erkennen können.

Wer verwundbar und ehrlich ist besitzt, so paradox es klingen mag, sehr viel Macht. Er bietet wenig Angriffsfläche, entspricht keinen Klischees und es ist schwerer für andere in ihm das sehen zu wollen, was sie sehen wollen. Damit spielt man auch keine Rolle, sondern ist ganz authentisch und das besitzt eine hohe Anziehungskraft für all jene, die sich für das Wahre im Menschen interessieren und keine „Spielchen“ spielen wollen.

Nur durch Verwundbarkeit kann man eine Sache wirklich erlernen, nur dadurch kann man ein wahrer Meister seines Fachs werden. Durch Versuch und Irrtum erlangt man Meisterschaft, es ist deshalb immer so, dass ein Meister viel öfters falsch lag, als der Schüler und dazu ist er nur in der Lage indem er seine Verwundbarkeit akzeptierte (die Bereitschaft Fehler zu machen ist etwas, dem wir, wenn wir wachsen wollen, nicht ausweichen dürfen).

Wir müssen auch verwundbar sein, um das Leben in seiner ganzen Fülle zu erfahren. Solange wir noch Vorbehalte haben, können wir weder zu anderen noch zur Welt selbst eine intensive Beziehung aufrechterhalten. Das Leben wird erst dadurch wirklich „lebendig“, unverwundbar zu sein ist diesbezüglich wie mit „angezogener Handbremse zu fahren“.

Letztlich ist Verwundbarkeit notwendig, um sein eigenes Potenzial voll entfalten zu können. Nur dadurch, dass wir verletzlich sind, können wir uns weiterentwickeln und eines Tages die beste „Version“ von uns selbst werden. Das hat auch immer mit dem Öffnen für das Unbekannte zu tun, denn das Neue ist immer unbekannt, auch das Neue in Bezug auf die eigene Person. Wachstum ist nur in dem Maße möglich, wie wir bereit sind verwundbar zu sein.

 

Schlussfolgerung

Verwundbar zu sein ist eine essentielle Voraussetzung für Wachstum und persönliche Entwicklung, ebenso für Innovation, Kreativität und vor allem für echten, wahrhaftige Beziehungen zu anderen Menschen (sei es nun Freundschaft oder Partnerschaft) sowie zu sich selbst. Ohne Verwundbarkeit gibt es nicht nur kein befriedigender Erfolg, sondern auch keine Selbsterkenntnis. Verwundbar zu sein ist schmerzhaft und von vielen Dünkeln in der Gesellschaft begleitet, nichtsdestotrotz kommt keiner darum herum sich seiner Verwundbarkeit zu stellen, der an eine vollständigen Individuation interessiert ist und sein eigenes Leben und nicht dasjenige anderer leben möchte.

 

Euer O. M. 

 

Photo: 123rf.com – Royalty Free Stock Photos

 

 

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