5928111-the-thinker-statue-by-the-french-sculptor-rodinMit dem Begriff „Wissen“ geht man heutzutage recht sorglos um, ja mehr noch meist spricht man leichtfertig davon etwas zu wissen und brüstet sich sogar nicht selten damit oder bewundert andere vermeintlich Wissende. In Wahrheit ist es in den meisten Fällen nicht sehr weit her damit. Nur in den seltensten Fällen ist das, was als „Wissen“ bezeichnet wird, tatsächlich Wissen, echtes Wissen. Wie kann das sein? Warum sollten sich hier die meisten im Irrtum befinden?

 

Wahres Wissen

Echtes Wissen kann niemals durch Lesen erworben werden, völlig unabhängig davon um welch geistreichen Bücher es sich auch handeln mag. Als Leser ist man doch nicht Herr der Gedanken und Gedankengänge, sondern lässt sich von einem anderen, dem Autor, führen, in welche Richtung dieser, und nicht der Leser, gehen möchte. Wer liest denkt nicht mit dem eigenen Kopf, sondern mit jenem eines anderen. Erst das Durchdenken des Gelesenen vermag uns Wissen zu bescheren. Beim Lesen soll man Maß halten, denn ein Zuviel davon macht unseren Geist träge und abhängig. Die Suche nach immer neuen geistigen Anregungen durch die Gedanken anderer, kann zur Sucht werden und dabei den eigenen Geist völlig erschlaffen lassen, so dass er das selbständige Denken sogar verlernen kann. Philosophen haben schon vor langer Zeit auf die Gefahren des (zu viel) Lesens hingewiesen und manche Philosophen, wie etwas Hobbes und Comte haben sich sogar damit gerühmt, dass sie in ihrem Leben nur wenig gelesen hätten.

Ebenso wenig kann Wissen durch reine Erfahrung erworben werden, denn erst das Nachdenken über das Erfahrene kann zu wahrem Wissen führen. So sind denn weder der reine Büchermensch noch der bloße Empiriker Denker im eigentlichen Sinne.

Der Unterschied zwischen echtem Wissen und Wissen aus zweiter Hand ist enorm. Bei letzterem sind die Gedanken nicht originär, der Vortrag orientiert sich an Plattitüden, an Modebegriffen und allgemein anerkannten Phrasen, die Klugheit bezeichnen sollen, es fehlt die Leidenschaft, das „Feuer“, das hinter solchem Wissen steht, der Stil ist meist abgedroschen oder gewöhnlich. Man merkt, dass ein solcher Mensch nicht fühlt, wovon er spricht, dass alles nur im Kopf ist und nichts vom Herzen begriffen wurde. Anders hingegen der echte Denker, bei dem Hirn und Herz gleichermaßen von einer Sache ergriffen sind, dessen Ausdruck ursprünglich ist und stets etwas Einmaliges, oft auch Neues, an sich hat. Man merkt, dass der Denker wahrer Eigentümer seines Wissens ist, dass die verschiedenen Wahrheiten miteinander verglichen und abgewogen wurden und dass dadurch eine Sicherheit erlangt wurde, die dem Sophisten, demjenigen, dem der Schein alles ist und der Inhalt kaum der Rede wert, fremd ist. Der echte Denker hat Verstand und Vernunft, der Denker aus zweiter Hand hat nur den Intellekt.

 

Was bewirkt Selbstdenken?

„Wissen ist Macht“, heißt es, doch betrügen sich die meisten nur selbst mit dieser scheinbaren Weisheit. Denn egal wie gelehrt einer ist, wie viel er auch immer gelernt haben mag, so wird er dadurch alleine doch nie über Macht verfügen. Die Ansicht, dass Bildung Macht sei, ist eine gemeine Lüge. Das einzige, was wirklich Macht gewährt, ist das Selbstdurchdachte, das wahre Wissen. Nachdem dieses aber äußerst selten anzutreffen ist, ist auch Macht, die auf Wissen beruht, ebenso selten irgendwo zu finden.

Eigenständiges Denken macht uns frei, denn wer eine Sache selbständig durchdenkt hat, der ist seine eigene geistige Autorität geworden und erkennt keinen anderen mehr über sich an. Die Unsicherheit, die so viele Halbgebildete umtreibt, die ständig noch mehr und mehr Informationen brauchen und dann immer noch unschlüssig sind und neurotisch mit sich selbst herumdisputieren, ist den wahren Denker fremd geworden; sie ruhen in ihrer eigene mentalen Stärke, die freilich nicht mit einem engstirnigen oder selbstgerechten Geist verwechselt werden darf. Wer nur über Bücherwissen und die Gedanken von anderen verfügt, der kann solche Sicherheit nicht erlangen, allenfalls kann er sich durch eine zur Schau gestellt Pose versuchen darüber hinweg zu setzten (und darauf hoffen, dass niemand den Schwindel des bloßen Wissens aus zweiter Hand bemerkt).

Was oft unberücksichtigt bleibt, ist die Tatsache, dass selbständiges Denken glücklich macht! Wer es nie versucht hat und Denken vor allem als eine unangenehme Aufgabe betrachtet, der weiß freilich nichts davon. Wahres Denken erkennt man auch daran, dass es dem Denker nicht um den Schein geht, nicht darum bei anderen Eindruck zu schinden und als „klug“ oder „intelligent“ zu gelten. Solches echte Denken ist an sich schon eine Befriedigung und wenn sich die Ergebnisse auch noch in praktischen Erfolg umsetzen lassen, so ist dies nur noch ein zusätzlicher Bonus.

Letztlich bewirkt Selbstdenken, dass man sich von anderen, auch von der Masse der Gelehrten und Gebildeten, deutlich abhebt. Es ist eine Unsitte der Zeit, dass wir zwar an jeder Ecke Gebildet vorfinden, doch kaum einmal einen, der das Denken beherrscht – so werden denn auch an unseren Schulen und Universitäten Diplome nicht für das Selbstdenken, sondern für das erfolgreiche „Nach-Denken“ im Sinne eines anderen Kopfes vergeben.

 

Was braucht man zum Selbstdenken?

Wie entsteht nun echtes Wissen? Einige Punkte müssen dazu erfüllt werden:

  • Anregung: Selbständiges Denken braucht eine innere Motivation, man muss dabei seiner eigenen Natur folgen, deshalb ist eine recht gute Selbstkenntnis Voraussetzung, um gut denken zu können. Wer keine Ahnung hat wer er ist, was er möchte und welche Werte ihm dabei wichtig sind, weiß auch nicht auf welchen Gegenstand er sein Denken lenken soll. Auch funktioniert Selbstdenken nur im Rahmen der Freiwilligkeit; wer zum Denken gezwungen wird, wird kaum einmal zu echtem Wissen gelangen.
  • Ernsthaftigkeit: wenn einem eine Sache nichts oder zu wenig bedeutet, wird man nicht den Erst aufbringen, der notwendig ist, um etwas ganz zu durchdenken
  • Mut: Denken ist sowohl eine intellektuelle, als auch eine emotionale Angelegenheit. Der Charakter spielt dabei eine wichtige Rolle. Die wichtigste Eigenschaft dabei ist die Courage. Wer Konflikte, sowohl mit anderen, als auch mit sich selbst, scheut, wird kaum einmal das selbständige Denken in Angriff nehmen.
  • Konzentration: Denken braucht einen Gegenstand auf den es sich richtet; ins Blaue hinein zu denken bringt nichts. Das heißt nicht, dass man sich strickte Beschränkungen auferlegen soll, sondern vor allem, dass man sich das Ziel während des Denkens stets vor Augen hält, dann hat man auch die Freiheit neue Wege zu gehen. Man muss sich im Wesentlichen davor hüten sich Tagträumereien, dem Ergehen in Phantasien und des ungezügelten Herumschweifens der Gedanken hinzugeben.
  • Ausdauer: Denken, echtes, hartes Denken ist in den meisten Fällen anstrengend und kann viel Zeit in Anspruch nehmen. Manchmal mag man meinen überhaupt nicht vorwärts zu kommen und die Versuchung aufzugeben ist dann meist sehr groß. Doch auch beim Denken gilt, wie bei fast allen großen Dingen im Leben, dass nur das eiserne Durchhalten letztlich Erfolg bringen wird.
  • Timing: Lesen kann man zu jeder Zeit, ebenso lernen, dazu braucht man lediglich Disziplin; Denken hingegen braucht eine innere Spannungen und Anregung, die nicht einfach durch einen Willensentschluss herbeigeführt werden kann. Niemand, auch der Klügste nicht, kann zu jedem gegebenen Zeitpunkt selbständig Denken.
  • Lernen: Um etwas zu durchdenken, muss man etwas wissen, das heißt aber auch, dass man etwas lernen muss, um es dann geistig bearbeiten zu können. Aber eben erst durch diesen gründlichen Bearbeitungsprozess entsteht wahres Wissen.

 

Schlussfolgerung

Durch Selbstdenken erreicht man Freiheit und Macht, nur durch das eigenständige Denken erlangt man Wissen, dass es wert ist als Wissen bezeichnet zu werden, Bücherwissen ist dazu ungeeignet, ebenso wie das Wissen dass durch bloße Erfahrung entsteht und nicht den Weg der geistigen „Verdauung“ und „Inkorporation“ gegangen ist. Nur was man verinnerlicht hat, gehört einem ganz an und versteht man ganz. Alles andere Wissen ist letztlich ein Fremdkörper in unserem Geist.

Wer noch ein Anfänger im Bereich des Selbstdenkens ist, dem sei eine mehrwöchige Leseabstinenz empfohlen. Diese wird sich vor allem für den Vielleser wie ein „kalter Einzug“ bei einem Süchtigen anfühlen (das ist nicht übertrieben, ich selbst war ein solcher Vielleser und weiß wovon ich spreche). Zudem sollte man sich jeden Tag mindestens eine halbe Stunde Zeit nehmen und über ein Thema, das einem wichtig ist nachdenken. Ich empfehle dabei keine schriftlichen Aufzeichnungen anzufertigen, sondern einfach nur zu denken. Eine gute Übung ist es auch, seine Gedanken laut auszusprechen, da man dadurch leichter Denkfehler erkennt, als wenn man nur still mit sich selbst konferiert (siehe dazu auch meinen Artikel über das Lösen von Problemen durch Selbstgespräche).

 

Nur was wir ganz und selbständig durchdacht haben, gehört und wirklich, und ist unsere Wahrheit! Nur sie verstehen wir ganz und sind mir ihr vertraut, wie mit unserem Körper. Solche Wahrheiten sind keine Dinge mehr, die uns angehören, sondern sie sind Teile von uns selbst geworden. Wenn man am Ende seines Lebens auch nur eine einzige Sache wirklich weiß (d.h. selbst durchdacht hat bis auf den Grund), dann ist dieses Leben nicht vergebens gewesen.

 

Euer O. M.

P.S.: Als ein guter Einstieg zum Thema eigenständiges Denken eignet sich das Buch „Thinking as a science“ von Henry Hazlitt, das hier bei librivox.org kostenlos herunter geladen werden kann.

 

Photo: 123rf.com – Royalty Free Stock Photos

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