2904172-portrait-of-a-senior-successful-businessmanErwachsen ist man in den meisten Ländern mit Erreichen des 18. Lebensjahres. Richtig? Sofern es um das gesetzliche Alter handelt, ab dem man als volljährig, also voll als geschäfts- und deliktsfähig gilt, ja. Auf der anderen Seite wissen wir alle, dass es Verhaltensweise von Leute weit jenseits der 20, 30, 50 oder noch älter gibt, die einem viel früheren Stadium entsprechen, als es die Jahre, die sie schon auf Erden zugebracht haben, einen glauben machen möchten. Wir haben es also beim Begriff „Reife“ mit ganz unterschiedlichen Aspekten zu tun, die sich recht stark von einander unterscheiden können.

 

Verschiedene Arten von Reife

Beim Menschen gibt es drei Arten von Reife, die jeweils zu unterschiedlichen Zeitpunkten erreicht werden:

  1. Körperliche Reife
  2. Mentale Reife
  3. Emotionale bzw. psychische Reife

Die körperliche Reife des Menschen ist in den frühen 20ern erreicht und erreicht in der Mitte der 20er dann ihren Höhepunkt. Die mentale Reife geht noch darüber hinaus und wird irgendwann zwischen dem 30. und dem 50. Lebensjahr erreicht. Die verschiedenen Ansichten dazu sind viel zu unterschiedlich, als dass man dazu genau Angaben machen könnte. Auch sind die individuellen Unterschiede diesbezüglich viel zu groß. Was die emotionale Reife betrifft, so sieht es hier am düstersten aus. Emotional reif werden Menschen überhaupt erst in höherem Altern, wenn überhaupt. Der größte Teil aller Menschen erreicht emotionale Reife im vollumfänglichen Sinne überhaupt nie und stirbt ohne diese, an sich natürliche Anlage des Menschen, zur vollen Entfaltung gebracht zu haben.

Seine eigene emotionale Reife zu erkennen ist weitaus schwieriger, als jene bei anderen feststellen zu können. Das kommt daher, dass ein großer Teil der unreifen Handlungen und vor allem ihre Motive uns nicht bewusst sind, sondern dem Unbewussten entspringen. Es gibt jedoch einige Merkmale, die dabei helfen die eigene emotionale Reife und jene von anderen zu erkennen:

 

Kennzeichen emotionaler Reife

  • Die Fähigkeit zwischen jenen Dingen die der eigene Kontrolle unterliegen und jene, bei denen dies nicht der Fall ist, unterschieden zu können, sowie die Akzeptanz der Ergebnisse dieser Unterscheidung
  • Respekt für die eigenen Grenzen und jene von anderen
  • Konzentration: Emotionale Reife zeichnet sich dadurch aus sich auf eine Sache ganz konzentrieren zu können und das über einen längeren Zeitraum hinweg. Damit verbunden ist die Fähigkeit unangenehmen Aufgaben zu erfüllen und Belohnungen aufschieben zu können.
  • Die Fähigkeit Herr über die eigenen Gefühle zu sein. Die aktuellen Gefühle in einer jeweiligen Situation zu kontrollieren funktioniert allerdings nur, wenn es keine „emotionalen Altlasten“ mehr gibt. Darunter sind gestaute Gefühle zu verstehen, die aus der Vergangenheit her stammen und durch eine gegenwärtige Erfahrung „getriggert“ (sprich ausgelöst) werden. Zeigt ein Mensch beispielsweise ein Ausmaß an Wut über eine bestimmte Situation, die sich nicht aus dieser selbst erklären lässt, ist stets nicht gelöste Wut aus der Vergangenheit aktiv, die nun erneut angesprochen wurde
  • Schwierigkeiten beim Unterscheiden zwischen richtig und falsch und ein Anhängen am Relativismus, im schlimmsten Fall die Vertretung einer rein materialistischen oder gar zynisch-nihilistischen Weltanschauung
  • Eine existenzielle Unruhe im Leben, ein „Unbehagen in der Kultur“ wie es Sigmund Freud ausdrückte
  • Das Fehlen von Empathie, die Unfähigkeit das Seelenleben anderer zu verstehen und nachfühlen zu können, deutet auf Unreife emotionaler Art hin
  • Narzissmus – bösartige „Selbstliebe“. Das ist nicht zu verwechseln mit einem gesunden Selbstvertrauen, was ganz im Gegenteil ein Zeichen von hoher emotionaler Reife ist
  • Bewusstsein für die eigene Person und das eigene Handeln. Wer ständig auf „Autopilot“ läuft, der verfügt über nur wenig Freiheit und ist sich seiner Unfreiheit noch nicht einmal bewusst
  • Verantwortung: Emotional reife Menschen übernehmen Verantwortung für ihre Handlungen. Die Suche nach Sündenböcken hingegen ist ein typisches Zeichen von Unreife in diesem Bereich
  • Sich selbst genügen ist ein Zeichen von Reife. Wer ständig Dinge von außen braucht (materielle Güter, Anerkennung durch andere, Belohnungen von außen etc.) gleicht in diesem Bereich noch einem Kind, das auf die Versorgung durch seine Eltern angewiesen ist
  • Die Fähigkeit mit Kritik gut umgehen zu können. Das umfasst einerseits das Unterscheiden von konstruktiver und von destruktiver Kritik. Erstere muss ernst genommen werden, um sich selbst zu verbessern, letztere ist ein persönlicher Angriff, der einen nicht ärgern sollte.

 

Das größte Hindernis für emotionale Reife – sich selbst nicht zu kennen

Hier wird’s richtig ernst, hier kommen wir zum Kern der allermeisten Lebensprobleme überhaupt: Die allermeisten Menschen haben keine Ahnung davon, wer sie selbst sind! In frühester Kindheit wird die Mehrheit der Menschheit von sich selbst entfremdet (wir nennen diesen Vorgang verniedlichend „Erziehung“). Diese Entfremdung von sich selbst ist derart häufig anzutreffen, dass dieser Zustand als völlig normal gilt – auch Psychologen und Psychiater erkennen dieses Problem in der Regel nicht, da auch sie davon befallen sind. Aus der Entfremdung von sich selbst folgt die Entfremdung von anderen Menschen, seiner Arbeit und letztlich überhaupt von der Natur/dem Universum als ganzem. Das ist die Lage des Menschen heute im frühen 21. Jahrhundert. Es darf uns deshalb nicht wundern, dass die emotionale Reife der Menschheit als ganzer nicht besonders ausgeprägt ist. Dies gilt vor allem für die „zivilisierten“ Völker; bei den Naturvölkern hingegen finden wir das höchste Maß an emotionaler Reife überhaupt vor! Wie dem auch sei, die Lösung für das Individuum zur Erlangung emotionaler Reife besteht deshalb in einer Sache: DIE WIEDERERLANGUNG DER VERBINDUNG MIT SICH SELBST! Ohne diese Wiedererlangung wird jeder Versuch emotionale Reife zu erlangen unvollständig bleiben.

 

Schlussfolgerung

Soll man sich nun schämen und Vorwürfe machen, wenn das eigene emotionale Alter nicht der geistigen und körperlichen Reife entspricht? Auf keinen Fall, damit wäre keinem gedient. Schuld- und Schamgefühle zementieren einen Zustand nur noch mehr ein und erschweren oder verunmöglichen einem sogar die Möglichkeit etwas zum Positiven zu verändern. Alles beginnt damit, dass wir aufhören uns selbst etwas vorzumachen und einen aufrichtigen Blick in den Spiegel werfen. So schmerzhaft die Erkenntnis des eigenen psychischen Alters zu Beginn auch sein wird, so sehr ist diese Erkenntnis doch heilsam, da sie uns dazu bringen kann an uns zu arbeiten und unser eigenes Wachstum zu fördern. Auch hier gilt der alte Spruch, dass eine Medizin oft bitter schmecken muss, weil sie sonst nicht wirkt.

 

Euer O. M.

 

Photo: 123rf.com – Royalty Free Stock Photos

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