Schatten der FreiheitKeine Sache in der Welt, vor allem keine vom Menschen geschaffene Sache, ist so rein, dass sie nicht auch einen gewissen Makel in sich trüge. Diese Tatsache ist den Weisen schon immer bekannt gewesen und im 20. Jahrhundert war es vor allem Carl Gustav Jung (1875-1961), der sich eindringlich mit dieser Problematik beschäftigt hat und eine Systematik geschaffen hat, die ich für die brauchbarste in diesem Bereich überhaupt halte. Deshalb will ich hier auch über das sprechen, was Jung als den „Schatten“ bezeichnete und in einem immer stärker werdendem Maße die Psychologie der Moderne und Postmoderne beeinflusste.

Wer vom Essen spricht, hat meistens Hunger, wer den Frieden propagiert, will meistens Krieg und wer das Wort von der Freiheit übervoll um Munde führt, möchte meist nur der erdrückend empfundenen Unfreiheit entkommen. Das sind alte Einsichten und doch müssen wir sie uns immer wieder ins Bewusstsein rufen, um nicht dem Schein zu erliegen und den wahren Tiefen des menschlichen Seelenlebens auf die Spur zu kommen. Der Schatten ist nach Jung ein Teil des menschlichen Unbewussten, ein Teil, der im Gegensatz zu unserem wachen Bewusstsein steht, uns zwar in Bezug auf unsere Selbstdefinition und auf all jene Dinge, die wir als „gut“, „schön“ und „wünschenswert“ an uns selbst ansehen. Etwas verkürzt könnte man sagen der Schatten ist das genaue Gegenteil dessen, was wir bewusst von uns selbst glauben. Dabei entspricht der Schatten in Ausmaß und Intensität dem Negativ unserer bewussten Ansichten über uns selbst.

Was heißt das alles nun in Bezug auf die Freiheit, bzw. auf unser Streben nach persönlicher Freiheit? Im Grunde handelt es sich dabei um all jene Aspekt in und an uns, die das Gegenteil der Freiheit darstellen: Unfreiheit, Abhängigkeit, ja mitunter sogar Knechtschaft und Sklaverei! Vorsicht ist vor allem dort geboten, wo jemand regelrecht fanatisch nach Freiheit und Unabhängigkeit strebt, bis zu einem völlig irrationalen Ausmaß hin, so dass ein vernünftiger Mensch ein solches Streben nicht mehr nachvollziehen kann. In solchen Fällen handelt es sich in den meisten Fällen um die Ablehnung, bzw. dem Entkommen des Gegenteils, nämlich der eigenen Ohnmacht und Hilflosigkeit. Wer sich unfrei fühlt oder wer über nur wenig Freiheit verfügt und sein Leben nach dem Willen anderer ausrichtet oder ausrichten muss, mag leicht einen unbändigen Drang nach Freiheit entwickeln – allein es ist eine Illusion und die Realität zeigt das genaue Gegenteil dessen, was nach außen hin (und vor allem bewusst in Bezug auf die eigene Person) vertreten wird.

Es ist deshalb unumgänglich, dass wir uns unseres Schattens stellen und all jene Teile in unserem Innenleben ins Bewusstsein bringen, die dem, was wir anzustreben gedenken entgegenstehen. Der Schatten ist, wie ich bereits in einem früheren Beitrag erwähnt habe, nicht unbedingt etwas Schlechtes oder „Dunkles“, sondern etwas, das wir nicht sehen wollen, etwas, das unserer bewussten Einstellung uns selbst gegenüber widerspricht. Nichtsdestotrotz ist es eine Realität und uns dieses Schattens nicht bewusst zu werden heißt immer auch der Gefahr ausgesetzt zu sein von „unbekannten Kräften“ im Leben beeinflusst, ja möglicherweise sogar bestimmt, zu werden – im Extremfall kann dies sogar zur Psychose führen.

Wo liegen also Deine Schwächen? Wo bist du nicht auf der Seite der Freiheit, sondern lässt Dich von anderen oder der Gesellschaft bestimmen? Hier geht es nicht um das was du Dir über Dich selbst erzählst, sondern um Deine tatsächliche Lebensführung – und diese ist bei den meisten sehr verschieden von jener. Es sind dies die Bereiche in denen nicht nur ein gewaltiger innerer Schatz auf Dich wartet, sondern wo mehr noch das Potenzial für großes Wachstum besteht – allerdings nur für denjenigen, der sich seinem Schatten stellt.

 

Ein Gedanke zum Schluss

Um ein gutes Leben führen zu können, muss der Mensch frei sein. Wer Sklave ist, egal ob er sich dieses Umstandes bewusst ist oder nicht, ist niemals ein freier Mensch und sein Glück, sollte er ein solches empfinden, ist eine reine Illusion. Vor mehr als 200 Jahren postulierte es Thomas Jefferson sehr treffend, indem er ausrief: „Wo die Regierung Angst vor dem Volk hat, dort herrscht Freiheit. Wo die Menschen Angst haben vor der Regierung, dort herrscht Tyrannei!“ Wie sieht es nun bei uns auch, in Europa und gerade auch in Österreich? Haben die Regierungen Angst vor uns oder ist es umgekehrt? Ich glaube hier haben wir einen wahren Prüfstein für die realen Verhältnisse in der Welt, einen, der eine andere Interpretation nicht zulässt und auf den wir und ohne Wenn und Aber verlassen können (die Abstimmung Großbritanniens über den Austritt aus der EU – den so genannten „Brexit“, letzte Woche, mag zu vertiefenden Überlegungen dazu einen weiteren Anlass geben).

 

Seid also wachsam, wenn Ihr nach Freiheit strebt und seid Euch immer der Möglichkeit bewusst, dass auch die gegenteiligen Aspekte in Eurer Psyche vorhanden sind und dass Ihr wahre Freiheit niemals erreichen könnt, wenn Ihr diese nicht sinnvoll integriert habe. Nur wer sich des Schattens in sich selbst bewusst ist, kann vernünftigerweise darauf bauen nicht von ihm beherrscht zu werden und ein freies uns selbst bestimmtes Leben zu führen.

 

Euer O. M

 

 

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